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Tour de Suisse
Pörtner im Egghölzli

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Der Egghölzliplatz ist nicht gross, aber vielfältig. Es liesse sich gut verweilen an den bereitgestellten Tischen und Bänken, eine Bäckerei stünde auch zur Verfügung, nur das Wetter macht nicht mit. Neben der Bäckerei gibt es eine «Floral Designerin» und eine «Madame Repair», die Schuhe, Gürtel und Taschen und Textiles reparieren kann. Man merkt, man ist hier in Bern, wo dem Französischen noch Reverenz gezollt wird, zumindest halbwegs, «repair» ist auch schon englisch, und so entsteht ein hübscher Sprachhybrid. Um festzustellen, ob es unter den Pflanzen, die von der Freiwilligengruppe Urbanbiodiv auf diesem Platz gehegt und gepflegt werden, auch Hybriden gibt, bedürfte es besserer biologischer Kenntnisse. Auf alle Fälle sind es nicht weniger als acht Arten, die sich hier einen Lebensraum teilen.

An der Informationssäule werden ausserdem Kinderkrippen, Spieltreffs, Coronaberatung und Gemeinschaftsgärten beworben, und so verwundert es auch nicht, dass hier bärtige Männer mit vor die Brust gebundenen Kindern flanieren. Gegenüber gibt es eine vollausgerüstete Tankstelle mit Tankstellenshop, inklusive Wasser-, Luftund Staubsaugerstation, ein auffälliger Gegensatz zum lauschigen Plätzchen. Wer weiss, ob sich hier bei schönem Wetter verschiedene Bevölkerungssegmente gegenüberstehen und nicht verstehen können, wie man seine Freizeit so verbringen kann: im Auto bzw. auf einem biodiversen Kiesplatz.

Ein Restaurant wirbt mit Schweizer Spezialitäten, der Aussenbereich ist riesig, hier muss etwas los sein im Sommer, ein Spielplatz steht zur Verfügung. Ein veritables Ausflugslokal, woraus zu schliessen ist, dass es sich beim Egghölzli um ein Ausflugsziel handelt.

Am Strassenrand sind Veloanhänger aufgereiht und angekettet, altmodische Modelle, in denen keine Kleinkinder, sondern Zeitungen transportiert werden. Offenbar befindet sich hier ein Zeitungsvertragungshub.

Gegenüber steht das Gebäude einer grossen Gewerkschaft, die hier vermutlich ihren Hauptsitz hat. Stolze Gewerkschaftsgebäude sind selten geworden, dieses befindet sich an der Weltpoststrasse und beherbergt auch Botschaften. Während Pöstler*innen noch gewerkschaftlich organisiert sind, werden Pakete heute von Subunternehmer*innen und Scheinselbständigen ausgeliefert, was eine gewerkschaftliche Organisation erschwert.

Das Egghölzli ist ein kleiner Wald, in dessen Spitze sich die Residenz des chinesischen Botschafters befindet, ein hochumzäuntes, videoüberwachtes Schlösschen, das früher eine WG beherbergte, wie man hört. Die wichtige und mächtige Nation, die hier ihre Vertretung hat, stand schon im Verdacht, den Weltpostverein zu dominieren beziehungsweise von diesem bevorzugt behandelt zu werden, weil es günstig ist, Waren per Post von China in alle Welt zu verschicken. Dass dieser nur einen Steinwurf entfernt residiert, hat bestimmt schon Verschwörungstheorien gefördert. Das Wäldchen ist zwischen Autobahn und Hauptstrasse eingeklemmt, aber nichtsdestotrotz ein hübscher Ort, ein Naherholungsgebiet für Anwohnerinnen, Ausflügler und das Personal von Botschaften, die über keine eigenen Parks verfügen.