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Tour de Suisse
Pörtner in Adliswil

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Adliswil ist kein Winterkurort und keine Geisterstadt. Trotzdem macht es von beidem den Anschein an diesem Mittwochnachmittag. Zu Klumpen geschmolzener, schmutziger Schnee liegt an den Strassenrändern, länger nicht bewegte Autos haben Schneedeckel. Die Sonne scheint, die Geschäfte sind geschlossen. Nicht alle, aber die meisten. Der gross angekündigte Big Sale für Damen- und Herrenkleider mit bis zu 70 Prozent Rabatt findet vorläufig nicht statt. In der Ladenpassage sind viele Gitter heruntergelassen. Wenigstens schöntrinken lässt sich die trübe Lage noch, mit edlen Weinen und lokalen Bieren vom Getränkehändler. Wie aus Protest geht in der Kaffeerösterfiliale, in der es alles andere als Kaffee gibt, immer wieder der Alarm los, der normalerweise anzeigt, wenn jemand das Geschäft mit unbezahlten Waren verlässt.

Am Take-away kann man sich verpflegen, der Coffee to go wird zum Coffee to stand. Dem Sitzen, das inzwischen als ähnlich gesundheitsschädigend wie das Rauchen gilt, wird der Garaus gemacht.

Die Leute stehen mit ihren Pappbechern in der Hand beisammen, begehrt ist das trockene Bänklein unter dem Vordach des Einkaufszentrums. Auch vor dem Bahnhofstreff trifft man sich im Stehen, trinkt statt Kaffee Bier.

Beim Bahnhof selber, hinter den wahrscheinlich weniger als sieben Geleisen, haben es sich drei Männer an einem nicht weggeräumten Tisch eines geschlossenen Lokals gemütlich gemacht. So gemütlich man es sich halt machen kann, draussen in der Kälte neben einer Baustelle.

Niemand betritt das Verkaufslokal des Verkehrsverbundes, das ZVV Contact heisst, ein unglücklicher Name, denn gerade der sollte möglichst eingeschränkt werden. Oder etwa doch nicht? Ist Corona nur ein Fake, eine Plandemie, wie an eine Hausmauer gesprayt ist, dazu der Aufruf: Wake up! Im Schaufenster daneben verspricht eine Immobilienfirma, Erfolg zu vermieten, in Form eines Ladenlokals mit Lager. Es braucht be- trächtlichen Optimismus, an diesen zu glauben, denn nur wenige Meter daneben wird in einem Geschäft nach Sponsoren für ein Café gesucht, das gerettet werden muss. Vor dem Aufruf ist ein Regenschirm platziert, der für ein natürliches Medikament wirbt, das für kurze Zeit als Heilmittel gegen das Coronavirus gefeiert wurde. Vielleicht müssen die voreilig angelegten Lagerbestände abgebaut werden.

Der Schweizer Tierschutz fordert mittels Plakat dazu auf, Tauben nicht zu füttern. Das Plakat steht auf einem leeren Platz, auf dem keine einzige Taube zu sehen ist, von dem man sich durchaus vorstellen kann, dass er bei schönem Wetter, an einem sonnigen Frühlingstag, zu einer Art Markusplatz von Adliswil mutiert, wo ganz wie in Venedig Tauben gefüttert, draussen gesessen, Glace und Pizza gefuttert wird. Irgendwann wird es wieder so sein. Noch aber ist schwierig zu entscheiden, welche Vorstellung schwerer fällt: Dass diese unbeschwerten Zeiten zurückkehren oder dass der Aufruf dann befolgt wird. Gewiss wird es Leute geben, die den Parasitenbefall und die Krankheiten der Tiere, die sich bei Überpopulation ausbreiten, wie das Plakat erklärt, für fake halten und nicht daran denken, sich von solcher Seuchenpropaganda einlullen zu lassen. Wake up!