Skip to main content
Tour de Suisse
Pörtner in Allschwil

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Im Restaurant schwebt man über den Gängen des Grossverteilers Coop. Die Mitarbeitenden, die ihre wohlverdiente, wenn auch verspätete Mittagspause geniessen, stammen aus dem nur wenige hundert Meter entfernten Nachbarland und sprechen Französisch. Dass Frankreich nicht weit ist, merkt man auch daran, dass sich zwei Mitarbeitende mit den traditionellen drei Küsschen begrüssen, mitten im Laden, vor dem Joghurtgestell. Andere Länder, andere Sitten, so ist das im Moment.

Leicht überdimensioniert wirkt der Laden an diesem frühen Donnerstagnachmittag. Ein paar Kinder rennen herum, verstecken sich hinter den Aktionspackungen eines Waschmittels, das in meiner Kindheit regelmässig am Fernsehen beworben wurde, von einem kompetent wirkenden Mann im Anzug. Den Slogan habe ich immer noch im Ohr, benutzt habe ich das Produkt allerdings nie. Ob ich schon damals ein gewisses Misstrauen gegenüber kompetent wirkenden Männern in Anzügen hegte oder ob es sogar dort seinen Ursprung hat, lässt sich nicht mehr ermitteln. Mir erschien die burschikose Handwerkerin der Konkurrenz glaubwürdiger. Obwohl ich auch dieses Produkt nie gekauft habe.

Das Einkaufszentrum ist in einem alten Fabrikgebäude untergebracht. Wahrscheinlich finden nur Menschen, die nie in einer Fabrik gearbeitet haben, Fabrikgebäude schön. Weniger schön ist das doch recht brutal an die Fassade geklatschte Vordach, das von massiven, knallroten Stützen getragen wird. Neben dem Grossverteiler gibt es eine Elektronikhändler- und eine DiscounterFiliale. Ersterer feiert 50-Jahr-Jubiläum, wie auf Plakaten zu lesen ist. Diese Kette machte damals den kleinen Elektronikhändlern auf dem Land und in den Stadtquartieren mit Kampfpreisen den Garaus, heute ist sie selber vom Internethandel bedroht. Die Lehrlinge dieses Unternehmens genossen ein nicht geringes Ansehen, hatten sie doch Zugang zu den neuesten Gadgets, die damals noch Geräte hiessen.

Vor dem Geschäft steht die Surprise-Verkäuferin, aber ihre Geschäfte laufen nicht besonders gut. Eine nette Dame erklärt ihr geduldig, dass sie ihr Exemplar eben immer vor dem Laden in ihrer Nachbarschaft kaufe, es ist ein besseres Quartier.

Die Vogelperspektive auf den Grossverteiler ist ebenso ungewohnt wie reizvoll. Was es nicht alles gibt in diesem Geschäft, die Auswahl allein an den gut einsehbaren Süssgetränken ist gewaltig. Plastikflaschen und Dosen, soweit das Auge reicht. Jede Marke ist in einer Vielzahl von Geschmacks- und Farbvarianten erhältlich. In den obersten Regalen herrscht Unordnung. Um eine bestimmte Biersorte, sie ist offenbar beliebt, zu erwerben, muss man schon sehr gross sein oder lange Arme haben, die letzten Flaschen stehen ganz hinten. Oder man nimmt eben ein Paket mit fünf Gratisflaschen von der daneben aufgebauten Pyramide, die so aufgebaut ist, dass Menschen jeder Körpergrösse eine Packung erreichen. Die Chips liegen in einem grossen, offenen Palettrahmen daneben. Fehlt nur noch der dazugehörige Feierabend, und der kommt bestimmt.