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Magazin
Pörtner in Baden

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Wenn die Tage kürzer werden und irgendwo mehr als drei Leute pro Tag vorbeikommen, findet an diesem Ort mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Weihnachtsmarkt statt. So auch hier, am Bahnhof Baden. Noch sind die Buden nicht geöffnet, weder das Kerzenziehen noch das Karussell, erst gegen Abend wird es losgehen. Fonduetaugliche Temperaturen und glühweinheischender Nebel sind bereits vorhanden. An der Spanischbrötlibahn-Haltestelle wurde ein kleiner Kulturbahnhof eingerichtet.

Für den nächsten Tag ist die sehr empfehlenswerte Band Robertson Head Music Machine angekündigt. Die Fonduehütte ist ab 17 Uhr geöffnet, es gibt Badener Bier-Fondue und Künter Bio-Fondue, und warum auch nicht. An den Tischen davor nehmen Jugendliche, Kantonsschüler dem Aussehen nach, auf die Schnelle ihr Mittagessen ein. Sie kennen nichts anderes und werden wohl ihr ganzes Arbeitsleben hindurch das Mittagessen möglichst effizient verzehren. Lunch is for losers. Dahinter, an der Feuerschale, trifft sich die Dosenbierfraktion, sie hat Zeit, hier geht es lebhaft zu.

Die Tannenbäumchen stehen etwas unmotiviert und windschief herum, als wären sie nicht ganz freiwillig hier, was sie ja auch nicht sind. Sie stünden wohl lieber im Wald, als einen auf Wald zu machen, mit dem für sie gewiss ungewohnten Holzschnitzelboden.

Die Päckchen bringt an diesem Tag nicht der Weihnachtsmann mit seinem Schlitten, sondern der Pöstler mit seinem gelben Transporter, der das malerische Weihnachtsdorf zweimal durchquert, bis er die Adresse findet.

Eine Art Bushaltestelle aus Holz ist mit «Aus Freude am Menschen» angeschrieben. Sie dient als Treffpunkt für alle, was wahrscheinlich heisst: Randständige oder Leute, die sonst nirgends richtig willkommen sind. Die Verhaltensregeln sind in einem Ehrencodex – welch gewichtiges Wort – zusammengefasst. Darin wird der zugehörige WC-Container erwähnt. Der ist mit Holzpanelen als Blockhütte zurechtgemacht, wahrscheinlich für den Weihnachtsmarkt.

In dem Unterstand wird geraucht, und wie es aussieht nicht nur Tabak. Die Raucher haben einen schweren Gang, als sie an die Feuerschale zurückkehren. Vielleicht haben sie nun wirklich mehr Freude an den Menschen oder zumindest weniger Ärger mit ihnen und über sie.

Eine Holzskulptur mit Weihnachtssternen wetteifert mit einem überdimensionierten Plastikcornet, das etwas saisonuntypisch vor einem Café steht, um die Hoheit über die Ästhetik im öffentlichen Raum. An den Abfalleimern hängen A4-Blätter mit Hinweisen wie «Bitte füttern» oder «Bin für jeden Dreck zu haben». Ein etwas schiefer Spruch, der natürlich heissen müsste: «Bin für jeden Sch... zu haben». Das ginge aber zu weit und würde die Botschaft verfälschen. Diese immerhin wirkt, alle benutzen die Kübel. Abends, nach ein Paar Gläsern Glühwein oder einem Besuch in der Brennhütte, wo die lokalen Schnäpse angeboten werden, ändert sich das vielleicht. Da kann es spät werden oder sentimental oder eben so weit kommen, dass jemand den Kübel nicht mehr trifft. Oder ihn zu sich nach Hause einlädt.