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Tour de Suisse
Pörtner in Bassersdorf

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Wer vom Flughafen her auf der Mittellandroute mit dem Velo nach Bassersdorf fährt, erlebt eine Zweiteilung des Gesichtsfeldes. Rechts ein lauschiger Kanal, dahinter Wiesen, Felder, Wald, hin und wieder ein Bauernhof. Auf der linken Seite Zäune und dahinter grosse Industriebauten, moderne Bürogebäude, staubige Werkhöfe. Hier die Idylle, dort die Unternehmen, deren Namen kaum vertraut sind, die irgendwie und erfolgreich dazu beitragen, dass alles läuft, wie es läuft.

Auf dem Weg zum Zentrum überwiegt die Idylle, es tauchen Wohnbauten aus dem letzten Jahrhundert auf. Die Grossverteiler flankieren den grossen, leeren Dorfplatz, über den sich rote Linien ziehen, vielleicht findet hier ab und zu ein Markt statt. Es gibt genug Sitzgelegenheiten, aber zu wenig Schatten.

Im Café berichten die Gäste von der ins Wasser gefallenen Reise nach Barcelona, die am folgenden Tag hätte angetreten werden sollen. Doch es lässt sich auch hier ein gepflegtes Mittagsbier trinken. Natürlich ist dieser Platz nicht zu vergleichen mit der Rambla in Barcelona, das Publikumsaufkommen ist allzu deutlich geringer. Obwohl zurzeit vielleicht auch auf der Rambla nicht mehr los ist, mangels Tourist*innen, deren Zahl in den letzten dreissig Jahren von jährlich 1,7 Millionen auf 30 Millionen gestiegen ist. Vielleicht sind sie ganz froh, die Bewohner*innen von Barcelona, sich für einmal zu fühlen wie die Bewohner*innen von Bassersdorf, dessen Tourismusindustrie überschaubar ist.

Im Lokal am Platz ist das Menü, das draussen auf einer Stelltafel angeschrieben ist, die einzige Speise, die angeboten wird, auch wenn es keine urchige Dorfbeiz in einem Riegelhaus ist, sondern ein Café in einem modernen Betonbau, der sich in das Ensemble der den Platz umgebenden Gebäude fügt. Die Benutzung des WCs kostet für Nicht-Konsument*innen zwei Franken. Auf dem Beton klebt ein Hinweis, dass es sich um Privatgrund handelt, er videoüberwacht wird, aber nur bei geschlossenem Betrieb. Ob hier nächtens mehr los ist, mehr Leute sich auf dieser Terrasse tummeln als an diesem äusserst ruhigen Mittag Anfang Sommer?

Es sind trotz Mittagszeit und Aussenbereich nur wenige Gäste da, während am Morgen, so erzählt die Bedienung einem Gast, Hochbetrieb herrschte, ein einziges Gerenne.

An den Schattenplätzen verpflegen sich vor allem Jugendliche. Es wirkt fast, als wüsste man hier nichts von der Lockerung der Lockdown-Regeln. Möglich auch, dass die Konkurrenz der im Nachbardorf angesiedelten Superund Hypermärkte zu gross ist und sich hierher nur die Velofahrer*innen und Fussgänger*innen verirren. Für diese Theorie spricht, dass es vor allem Jugendliche und Alte sind, die den Platz überqueren. Alle anderen sind bei der Arbeit und verpflegen sich anderswo, in den Kantinen und Beizen der Umgebung, in den Fastfoodlokalen und Möbelhausrestaurants.

Der Platz ist auf einmal ganz verwaist, ein Hauch von High Noon liegt in der heissen Luft. Da kommt auch schon der Sheriff beziehungsweise Dorfpolizist. Eine Glocke schlägt, doch am anderen Ende des Platzes tauchen keine Bandit*innen auf. So kauft er sich eben ein Sandwich und verschwindet wieder.