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Tour de Suisse
Pörtner in Bern Breitenrain

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Die hypermoderne Grossverteilerfiliale passt nicht so recht in die Gegend. Die Surprise-Verkäuferin sitzt auf dem selber mitgebrachten Hocker neben der leeren Bank im Eingangsbereich. Wenn man sich als Fremder in Quartieren herumtreibt, von denen man nicht recht weiss, wo sie anfangen und wo sie aufhören, wirkt Bern mitunter grösser, als es ist.

Neben dem Quartiertreff, in dem marokkanisches Essen angeboten wird und kulturelle Veranstaltungen stattfinden, zeugen auf einem Milchkasten deponierte, leere Bierflaschen von einer späten Heimkehr. Sie stammen von einer Lokalbrauerei. Ein Hinweis auf eine alternativ-bewusstlebend-mittelständische Nachbarschaft. Es ist nicht der Dosenpöbel, der hier über den Durst trinkt. Gegen diese Einschätzung sprechen die moderne UBS-Filiale und die Autodichte. Doch auch die Velos sind zahlreich, noch zahlreicher sind die Kinderwagen.

Ein Gang durch die umliegenden Strassen bestätigt den ersten Eindruck. Ein geradezu idyllisches Viertel mit 20er-Zonen und Spielplätzen, einer davon verwegen und abenteuerlich, mittendrin ein veritables Flugzeugwrack. Andernorts gibt es einen grossen Park und eine Velostrasse. Auffällig viele Coiffeursalons und Cafés säumen die Strassen, gemütliche Beizen, Läden für Schönes, Velohändler, eine Outdoorbekleidungsfiliale und etwas unerwartet zwei Hotels. Ein AsiaMarket, eine Speedy-Cash-Filiale, in der Konsumgüter zu Bargeld gemacht werden, sowie ein Sonnenstudio lassen vermuten, dass die Quartierbevölkerung durchmischt ist. Andererseits ist ein kleiner Platz mit Baumaterial und Containern belegt, ein Zeichen, dass auch hier die Sanierung und Gentrifizierung droht oder längst im Gange ist.

In den Seitenstrassen ist nichts davon zu spüren. An den Balkonen der hübschen Reihenhäuser hängen Tibetfahnen, Lichterketten und auffallend viele Transparente, die für die Konzernverantwortungsinitiative werben. Aber auch vom Frauenstreik hängen Fahnen, von der Gletscherinitiative und von YB. Wer hier seine Ansichten und Sympathien auslüftet, kann sich der Zustimmung und des Wohlwollens seiner Umgebung gewiss sein. Einzig eine dieser sonst nur auf dem Land anzutreffenden Holzfiguren, die von der Geburt eines Kindes zeugen, hängt etwas schräg in der Landschaft bzw. am Balkon.

Der Aussenbereich eines alternativen – wahrscheinlich sagt dazu heutzutage kein Mensch mehr so, also: hippen – Restaurants ist nachmittags um vier gut besucht. Die Männer sind zwischen fünfundzwanzig und fünfundsechzig. Sie tragen Bärte, trinken langsam und genüsslich Bier, das vor Ort gebraut wird. Die Frauen, mit oder ohne Kleinkinder, trinken Kaffee. Draussen rauchen Frauen und Männer gemeinsam. Alle haben Zeit. Es ist fast wie in einem anderen Land. Junge Handwerker kommen von der Arbeit und trinken ihr Feierabendbier, inzwischen ist es halb fünf.

An der Tramhaltestelle gegenüber gibt es ein kleines Rondell, in dem sich die Wohnungslosen treffen. Sie scheinen niemanden zu stören. Oder hoffentlich doch, zumindest ein bisschen, es wäre sonst einfach zu idyllisch hier.