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Tour de Suisse
Pörtner in Bern Viktoriaplatz

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Dominiert wird der Viktoriaplatz vom Hauptsitz des lokalen Energieversorgers. Ein altes, stattliches Haus, seinerzeit noch als Verwaltungsgebäude konzipiert. Davor eine mächtige Ulme, ein Blumengarten und Parkplätze. Die Zugänge werden von Statuen bewacht, die Knaben darstellen, die Schafböcke festhalten. Die Wasserspeier, die kein Wasser speien, haben die Form geradezu asiatisch anmutender Froschwesen. Gegenüber befindet sich ein kleines, gekiestes Dreieck mit Bänken und Büschen.

Auf dem eigentlichen Platz stehen die Tische eines Cafés mit dem Namen Viktor, neben vom Tiefbauamt Bern zur Verfügung gestellten, mit Antifa-Klebern dekorierten Bänken, an denen kein Konsumzwang herrscht. Sie sind aber nicht belegt, weil die Bäume noch wachsen müssen, bis sie Schatten spenden. Gespendet sind die Bäume ihrerseits von Unternehmen, die auf kleinen Metallplättchen verzeichnet sind.

Viel Betrieb herrscht am Kiosk, wo Glaces gekauft werden. Leider ist das Erdbeercornet ausverkauft, das von der auftraggebenden Kollegin eigens gewählt wurde, weil es das immer und überall gibt. Das Publikum des Cafés ist jung und urban. Laptops werden aufgeklappt und sogar Bücher gelesen. Bildung wird grossgeschrieben an dieser Ecke, zumindest an dem imposanten Gebäude mit Glockenturm, dort steht in Grossbuchstaben SEKUNDARSCHULE. Es folgen noch weitere, grosse Schulhäuser, der Weg zu ihnen führt über eine Strasse, die nach dem grossen Schweizer Schriftsteller Jeremias Gotthelf benannt ist. Sie verläuft an der Seite der ehemaligen Feuerwehrkaserne. Diese wurde inzwischen umgenutzt und beherbergt ein grosses Restaurant und eine Menge kleiner Unternehmen, die, wie es aussieht, vor allem innovative und nachhaltige Projekte betreiben. Es fehlen weder ein Velonoch ein Friseurund Barbiergeschäft, so weit so unspektakulär und vorhersehbar, genau wie die Tagesschule und das Second-Hand-Geschäft.

Schon exotischer ist da das Lampenreparaturatelier. Wer keine Lampe, sondern sonst etwas bauen will, kann dies in der Quartierwerkstatt tun. Dort stehen Werkzeuge zur Verfügung, die eben nur für bestimmte Arbeiten gebraucht werden oder zu gross sind für die Heimwerkerei. Möglich, dass die sich gegenüber befindliche, mit Rädern versehene Bankkonstruktion auch in dieser Werkstatt erbaut wurde. Für Dinge, die auch nicht oft benötigt werden, in der Werkstatt jedoch wenig nützen, wie Rasenmäher oder Zelte, gibt es eine Leihbar. Wer sich trotz allem noch irgendein Gerät gekauft hat, das nun nicht mehr funktioniert, kann das Repair-Café besuchen und auf Abhilfe hoffen. Als Plakatwände dienen ausgediente Paletten, der Kabarettist Christoph Simon stellt Anfang September sein neues Programm vor, das bestimmt sehenswert ist.

Im Hinterhof gibt es zudem eine Vintagebörse, eine Einmacherei, Bänke aus alten Fensterläden und zusammengezimmertes Spielgerät. Zu diesem unterwegs ist ein Vater mit drei kleinen Töchtern, beim Takeout-Fenster des asiatischen Restaurants fragt er sie, ob sie Sushi mögen, was einhellig und lautstark verneint wird, während der Mann seine bedingungslose Liebe zu diesem Gericht gesteht.