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Tour de Suisse
Pörtner in Bern

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Hirschengräben gibt es in mehreren Städten, in Zürich zum Beispiel, nur ist dort der Graben ein Wall. In Bern ist von einem Graben auch nichts zu sehen, trotzdem wäre es natürlich interessant, einen Hirschengraben in seinem Urzustand anzutreffen. Früher wurden tatsächlich Hirsche in wenig artgerechter Umgebung gehalten, waren eine beliebte Attraktion, bevor ihnen zoologische Gärten den Rang abliefen, oder in dieser Stadt der noch immer existierende Graben eines anderen Tiers, des Bären. In der heutigen Zeit gibt es hier weder Hirschen noch Bären, den Temperaturen nach wären es ohnehin Eisbären oder Polarhirsche, sofern es diese überhaupt gibt.

Stattdessen warten vor allem Velos den ganzen Platz entlang auf ihre Besitzer*innen. Man kann sich ungefähr vor-stellen, wie der Platz aussieht, wenn velofreundlichere Temperaturen herrschen und die Geschäfte offen sind. Eine junge Frau fährt ohne Handschuhe. Das muss wehtun, spätestens wenn die Finger wieder auftauen. Ebenfalls keine Handschuhe trägt Adrian von Bubenberg auf seinem Denkmalsockel, an dem neben Helm und Waffen auch Handschuhe angebracht sind. «Solange in uns noch eine Ader lebt, gib keiner nach», so das Motto, das in modernen Konfliktlösungsseminaren wohl auf wenig Zustimmung stossen würde. Am anderen Ende des Platzes steht ein Brunnen, der J.V. Widmann gewidmet ist. Was sein Motto war, ist nicht bekannt, vermutlich war es etwas weniger Martialisches. Die Statue jedenfalls stellt einen schmächtigen jungen Mann dar, der eine Art Amor auf dem Kopf trägt, im Gegen-satz zu Bubenberg wird er von einem ornamentverzierten Kuppeldach geschützt. Auch er trägt keine Handschuhe und auch sonst keine Kleider.

Gegenüber, vor dem Hauptsitz einer Versicherung, ragt eine Zackenlinie aus roten Rohren bis fast ins vierte Stockwerk. Eine Ausstellung zum Thema Kunst und Nachhaltigkeit wird bis zum 31. März verlängert, was wenig nützt, wenn die Museen weiterhin geschlossen bleiben. Im Schaufenster des Nähmaschinenladens hängen farbige Wimpel: «Weiternähen!», dazu eine Telefonnummer.

Es ist einleuchtend, dass Handarbeiten wie das Nähen wieder hoch im Kurs stehen. So kann die zuhause verbrachte Zeit sinnvoll genutzt werden, aus alten Sachen neue nähen ist nachhaltig, spart Geld und Ressourcen.

Die Starbucks-Filiale ist offen, konsumiert werden muss draussen. So wird das steinerne Fenstersims von zwei Frauen zur Kaffeebar umgenutzt, der Kälte bei Gebäck und Gespräch getrotzt, und die Sonnenbrille hilft, das dazugehörige Winterkurortgefühl heraufzubeschwören.

Auf dem Platz stünden auch Stühle und Bänke, aber die sind mit einer Schneeschicht belegt. Nicht einmal der mit einem Alpenpanorama bemalte Elektrokasten vermag da zum Verweilen einzuladen.

Gratis Luft wird beworben, was auf den ersten Blick befremdend wirkt. Kostet jetzt schon die Luft etwas? Nur in Bahnhöfen, wo alles und jedes der wirtschaftlichen Nutzung unterworfen wird, würde es einen nicht wundern, wenn die Atemluft in Rechnung gestellt würde. Erst auf den zweiten Blick wird klar, dass es sich um einen Veloladen handelt, der die Gratisluft anbietet. Verwegen wäre es nachzufragen, ob es sich um warme Luft handelt.