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Magazin
Pörtner in Davos

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Saison ist nicht. Oder doch: Zwischensaison. Definiere ausgestorben: ein Wintersportort Ende Oktober, bei Nebel und Nieselregen, zur Mittagszeit. Davos ist ein Ort, der von den Gästen lebt. Davon zeugen die unzähligen Hotels aus den verschiedenen Epochen, von der Mittelklasse an aufwärts. Hier verschnörkelte Eleganz, dort funktionale Klotzigkeit, dazwischen heimelige Behäbigkeit. Die kalten Betten sind heute besonders kalt. Die Reichen und Mächtigen, die Schönen und Berühmten, sie sind nicht hier. Nicht einmal der gehobene Mittelstand, der sich eine Wohnung geleistet hat, als es noch bezahlbar war, ist hier.

In den Schaufenstern der Bars hängen die Plakate von der Saisonschluss-Sause. In einem Restaurant stehen die Gläser und die Servietten auf den Tischen, als würden die Gäste nächstens eintreffen. Der Eindruck, der sich aufdrängt, ist der einer Geisterstadt. Auch wegen der Hauptstrasse, die sich von einem Ende des Ortes zum andern zieht, an der die Bars, die Restaurants, die Läden und Sportgeschäfte liegen. Nur dass sie nicht staubig ist, sondern nass. Und verlassen. Fast niemand ist unterwegs, ein paar Autos, ein Velo, fast keine Fussgänger. Gut haben es die Figuren, die in einem künstlichen Teich stehen. Sie tragen alle orangefarbene Regenschirme. Sogar das Sportgeschäft mit der grossen «Open»-Tafel ist geschlossen.

Die Stellung halten die Bäckereien und die Grossverteiler. Offen haben auch der Laden für die schicken Recylingtaschen aus Zürich und der Uhrenladen. Wer eine Rolex braucht, dem kann geholfen werden. Die Arbeit ist wohl nicht besonders spannend in diesen Tagen, aber immerhin ein Ganzjahresjob. Um die vielen Gäste zu bewirten und zu bespassen, braucht es eine Menge Personal. Auch diese Menschen müssen untergebracht werden, auch diese Unterkünfte stehen zurzeit leer. Ferien sind keine. Oder doch: Betriebsferien. Die Schilder und Zettel mit den entsprechenden Daten sind allgegenwärtig. Ende November wird wieder Leben einkehren. Das Business Center, das Kirchner Museum, das Steigen berger Hotel. Sie werden summen vor Geschäftigkeit.

«Gott ist treu», steht auf dem Plakat vor einer kleinen Kirche. «Gravur con amur», verheisst das Geschäft für Tierbedarf. Bei der Baustelle für ein neues Luxus Hotel Resort ist ein Faksimile des im Februar ergangenen Bundesgerichtsurteils angeschlagen. Etwa dreissig A4Seiten. Die Einsprachen wurden abgelehnt. Es kann gebaut werden. Das Ende eines langen, bitteren Zwists, wie es scheint. Als Teil einer Adresse wird der «Zauberberg» erwähnt, nach dem Roman von Thomas Mann, der Davos als Luftkurort noch weltberühmter machte. Die Luft- und Höhenkuren sind inzwischen entzaubert. Wobei sechs Stunden täglich auf dem Balkon liegen gewiss eine wohltuende Wirkung entfaltet.

Ausser bei solchem Wetter. Bei der hohen Sportangebots und Bardichte ist zu vermuten, dass die heutigen Gäste nicht viel herumliegen, sondern jede Minute nutzen, um etwas zu erleben, etwas zu tun, etwas zu feiern. Dann wird es hoch zu und her gehen auf der ausgestorbenen Hauptstrasse, brechend voll wird es sein, das letzte Bett ausgebucht. Dann sind Ferien. Dann ist Saison.