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Tour de Suisse
Pörtner in Frauenfeld

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt,

wie es dort so ist.

Am Ende des Bahnhofplatzes wehen nicht weniger als 14 bunte Fahnen, von denen lachende Frauen und Kinder, ein Reitpferd und ein Trompete-spielender Bub grüssen. «Heissa, hier ist etwas los!», verkünden sie auf mehr oder weniger subtile Weise. Nicht so dynamisch wirkt die alte Kaserne, die einen unbenutzten Eindruck macht. An einer bahnhofsnahen Prime-Location einen so tristen und offenbar nicht mehr viel zur lokalen Wirtschaft beitragenden Gebäudekomplex zu halten, das kann wahrscheinlich nur die Armee. Doch hat es auch etwas Behäbiges und Beruhigendes. Die moderne Variante der Bahnhofsüberbauung mit Wohnen und Shoppen steht etwas weiter vorne, am anderen Ende des langen Platzes, der mit einer Art Stadionbeleuchtung ausgestattet ist, weitläufig und grosszügig. Möglich, dass ihn eines Tages freche Stadtmarketer «Platz zum Versauen» taufen. Platz zum Verweilen wäre nämlich kein treffender Name. Wie es sich für einen kleinstädtischen «Hub» gehört, fahren von hier aus eine Menge Postautos und Busse sowie ein Bähnchen, das als Schienenbus durchgehen könnte. Ein Bus fährt nach Huben, doch keiner nach Druben.

Das Bahnhofbuffet, von der Selbstverständlichkeit zur Rarität geworden, ist gut besucht an diesem kalten, nebligen Tag. Zwei Grossbildschirme zeigen Randsportarten, das Skirennen ist schon vorbei. Zur Auswahl stehen Biathlon und Billard. Niemand schaut hin. Die Stimmung ist ungezwungen, das Bier wird schon mal aus der Dose getrunken. An der Bar unterhält sich eine Gruppe Männer und Frauen beim Weisswein. Sogar geraucht werden darf in einem Teil des Lokals. Am Zweiertisch gibt es Kafi fertig. Aus der Zeit gefallen fühlt man sich, Hektik herrscht keine, aus den Boxen säuselt diskret Tanzmusik des letzten Jahrhunderts. Das Mobiliar ist zeitlos angejahrt. Was aber am meisten an alte Zeiten erinnert: Die Leute reden miteinander, hin und wieder wird gelacht, mitunter laut, die Bedienung lacht mit, man kennt sich. Hereinkommende werden begrüsst, verabschiedet jene, die das Lokal verlassen und direkt in das vor der Tür haltende Postauto steigen. Niemand schaut ins Handy. Rauchen, trinken, reden. Mehr braucht es nicht, nicht hier, nicht jetzt. Kein Rhythmus der Grossstadt pulsiert. So verbrachte man in meiner Jugend die Zeit, gewiss auch mangels Alternativen, doch ist diese Art der Freizeitgestaltung zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Junge bis sehr alte Menschen sitzen beisammen, und wer nichts sagen will, muss nichts sagen, auch das geht. Leute setzen sich dazu, nur wer seine Ruhe will, bleibt allein. Was in aufwendig gestalteten Begegnungszonen und an animierten Treffpunkten nur harzig wenn überhaupt funktioniert, geht hier ganz von selber: Begegnung, Austausch, Generationendialog. Gut für das Gemüt, schlecht für die Gesundheit.

Das Buffet ist nicht der einzige Verpflegungsbetrieb am Bahnhof. Es gibt einen Burgerbrater, der zu keiner Kette gehört, den obligaten Brezelkönig und einen Kebab-Pizza-Stand. Die Starbucks-Filiale ist auf einen Automaten am Kiosk reduziert. Nirgends ist Kundschaft zu sehen.

Der junge Mann, der aus dem Buffet tritt, rülpst herzlich, als wäre es sein Kommentar zum gastronomischen Restangebot. Die Biathlet*innen spurten unbeachtet um den Sieg.