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Tour de Suisse
Pörtner in Greifensee

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Es ist heiss. Besonders heiss ist es in dem kleinen Innenhof des Einkaufszentrums. Ein junger Mann stöhnt und schwitzt, entledigt sich seines T-Shirts und betritt nur noch mit Shorts bekleidet den Discounter, vor dem über die Bäckeranlage im nicht weit entfernten Zürich geplaudert wird. Vor der Post hat sich eine Schlange gebildet. Pakete werden angeschleppt, unhandlich grosse, wahrscheinlich Fehlkäufe aus dem Internet, die über die Ferien ihren Glanz verloren haben. Jene, die aus der Postfiliale heraustreten, sind erleichtert, die Ware losgeworden zu sein. Aus dem Discounter kommen junge Frauen mit Glaces, dort sind sie wohl am günstigsten.

Im Restaurant wird die Kaffeemaschine gereinigt, darum gibt es keinen Espresso. Ein Rollbrett rattert vorbei, ein Bub trägt eines, das fast gleich gross ist wie er selber. Männer schieben Kinderwagen, Frauen ziehen Einkaufswagen. Der Kellner kauft das italienische Mineralwasser im Discounter, ein vorbildlich kurzer Transportweg. Den auf der Stelltafel vor dem Restaurant angepriesenen heissen Stein wird er heute wohl nicht servieren müssen. Die aus kreisrunden Metallrohren gefertigten Bänke, die um durstig wirkende Bäume angelegt sind, sehen in der Sonne aus wie Heizkörper und laden nicht dazu ein, sich niederzulassen.

Es schwitzt auf dem Palett die plastikverpackte Gartenerde, niemand denkt heute ans Gärtnern. Günstig und in rauen Mengen zu haben ist das gestapelte Toilettenpapier, nicht weniger als sechs Sorten mit bis zu fünfzig Prozent Rabatt. Der Absatz hält sich in Grenzen, auch die daneben angebotene Holzkohle wird nicht nachgefragt. Zum Grillen ist es zu heiss. Einfach für alles ist es zu heiss, die ganzen Sommervergnügen, auf die man sich das ganze Jahr gefreut hat, schmelzen dahin wie das soeben erstandene Glace, das gar nicht so schnell gegessen werden kann, wie es zerläuft. Ein ausgefuchster Profi isst seines darum im gekühlten Eingangsbereich des Ladens. Der Bäcker wird bemitleidet, weil er in der Backstube arbeiten muss, obwohl er diese schon lange verlassen hat, wie die Schrift über dem Laden verkündet: Jedi Nacht vo eusne Händ gmacht.

Eine Frau im schwarzen Sommerkleid trifft ihre Freundin im weissen Sommerkleid. Die Handwerker betreten das Restaurant und wollen ausdrücklich nicht draussen sitzen, weil es dort zu heiss ist, lassen sich dann aber doch noch überzeugen, in den Loungesesseln unter den Sonnenschirmen bei den Thujapflanzen Platz zu nehmen. Die Kaffeemaschine ist inzwischen wieder im Betrieb, es werden entsprechende Heissgetränke aufgetragen.

Im Aushangkasten kann – demokratisch vorbildlich – jede im Gemeinderat vertretene Partei ein Traktat im Format A4 anbringen. Diese sind schlicht gehalten und stechen neben der Absage des Seniorenausflugs in die Taminaschlucht, den Öffnungszeiten der Bibliothek, der Konzertabsage der Kunstgesellschaft und dem leer gebliebenen Feld der Trachtengruppe nicht besonders hervor. Der Jazzclub hingegen ist zuversichtlich und wirbt auf dem Platz für ein anstehendes Montagskonzert. Schutzkonzept vorhanden. Eintritt frei.