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Tour de Suisse
Pörtner in Herisau

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Der Verkaufsstandort Herisau befindet sich vor der Filiale eines Grossverteilers. Einer Filiale, die neu gebaut wird und, verkaufstechnisch betrachtet, nichts anderes als eine Baustelle und damit nutzlos ist. Dem Neubau weichen muss ein vor noch nicht allzu langer Zeit als hochmodern geltendes Gebäude, schätzungsweise späte Siebziger-, frühe Achtzigerjahre. Der geschwungenen Auffahrt wie dem dazugehörigen Parkhaus wurde damals viel Platz eingeräumt. Nach dem Schaubild an der Fassade zu urteilen, wird auch die markante Betongalerie mit den skibrillenförmigen Aussparungen einem eckigen Zweckbau weichen.

Das Café gegenüber der Baustelle macht von 13.30 bis 16.30 Uhr Mittagspause. Die Konkurrenz etwas weiter vorne wäre von 5.00 bis 18.30 Uhr durchgehend geöffnet, wäre sie nicht amtlich versiegelt worden. Rätseln über die Gründe, welches Schicksal diesen Betrieb mit über hundertjähriger Tradition ereilt hat, kann man auf dem Crèmeschnittenbänklein, das wacker die Stellung vor dem Laden hält.

Der Weg vom Bahnhof zur ausgefallenen Verkaufsstelle führt an einer katholischen Pfarrei mit Kirche, dem Blaukreuzhaus, der grossen evangelischen und einer Freikirche vorbei. Ein Mann in Appenzellertracht nimmt ein Stück weit denselben Weg. Zu sehen sind mehrere hohe Fabrikschornsteine. Hier herrschte einst die Industrie, und sie markiert immer noch Präsenz. Gegenüber der Baustelle befindet sich ein aparter Park mit einer Laube, die zum Verweilen mehr als einlädt, sogar an Kleiderhaken wurde gedacht. Es gibt eine Bank und dahinter zwei Fenster mit Läden, die aber nur auf eine Hecke hinausführen, ein Dach auf Säulen und eine halbrunde Balustrade. Rosen und Bäume, kugelförmig gestutzte Hecken.

Der Kiesweg führt vorbei an einem kopierten und mit Malerband befestigten Zettel, auf dem «Fuck you Greta» steht, zu einem länglichen Gebäude, in dessen beiden zum Park hin liegen- den Schaufenstern zwei schräg stehende Bretter, ein kleiner Holzkubus und die Adresse eines Fotografen ausgestellt sind. Zu loben sind der Architekt, wahrscheinlich war es damals ein Mann, der die Laube entworfen hat, und die Arbeiter, auch hier wahrscheinlich Mäner, die sie gebaut haben. Kaum mehr wird einem Ort des Verweilens solche Aufmerksamkeit gewidmet, weder Sonne noch Regen können einen daran hindern, hier innezuhalten. Welch ein Unterschied zu den lieblos in Asphaltoasen platzierten Bänken der modernen Bahnhofs-/Einkaufszentrumshybriden, ohne die eine Schweizer Stadt keine Stadt mehr ist, bis sich ein neues Konzept durchsetzt und sie obsolet macht, wie derzeit das parkhausdominierte Einkaufszentrum.

Wieviel langlebiger ist da doch der bescheidene Pavillon, der unbeleckt von Quadratmeterumsatzvorgaben und verändertem Einkaufsverhalten seinen Zweck erfüllt, seit gewiss über hundert Jahren. Wahrscheinlich gehörte er einst zum Anwesen des stattlichen Hauses ennet der Strasse, neben dem ein weiterer Minipark angesiedelt ist. Hier gibt es eine öffentliche Veloflickstation, die keine Wünsche offenlässt, neben einer Pumpe und einer Aufhängevorrichtung steht auch der zur Entfernung der Pedale notwendige 15-er Gabelschlüssel zur Verfügung, der in herkömmlichen Schlüsselsätzen oft fehlt. Was wunder, braucht es bei dieser Infrastruktur keine Parkhäuser mehr.