Skip to main content
Tour de Suisse
Pörtner in Ittingen

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Es ist nicht die beste Zeit für einen Ausflug nach Ittingen. Es ist kalt, es schneit, genaugenommen schneerieselt es. Die auf dem Weg passierte Solarmessstation zeigt 0 Watt an für die ganze Anlage. Vor dem Einkaufszentrum steht ein grosser Weihnachtsbaum, in den Farben des Grossverteilers geschmückt, etwas Gold, etwas traurig herabhängendes Lametta. Weihnachten ist schon längst vorbei, zu feiern gibt es zurzeit nichts.

Ein Mann hängt die Sterne ab, die Leuchtsterne, die an den Trägern der Runddächer aus schmutzigem Plexiglas hängen. Sie decken unbenutzte Lauben, wohl denen der nahen Stadt Bern nachempfunden. Wahrscheinlich müssen sie noch ein paar hundert Jahre altern, um einen ähnlichen Charme zu entwickeln. Vor dem Eingang des Seniorenzentrums stehen etwas unmotiviert kleinere Tannen in Töpfen inmitten von Holzschnitzeln. Zwischen einer der Säulen, einem Plakat und einem Thujabusch ist ein kleiner Weihnachtsbaum eingeklemmt, üppig und gleichförmig geschmückt mit roten und goldenen Kugeln sowie exakt gleich grossen Tannenzapfen, wahrscheinlich stand er den Bauarbeiten im Weg und wartet nun auf seine unzeremonielle Entsorgung.

Ein Restaurant am Platz nutzt die flaue Zeit für einen Umbau, Baumaschinen rattern heran und veranstalten zuweilen einen immensen Krach. «Auf Wiedersehen, bleiben Sie gesund, bis bald!», steht auf einer mobilen Plakatwand. Es gibt aber niemanden zu verabschieden, der Monat mit dem Loch darin erweist sich an diesem Tag als besonders gähnend. Niemand braucht ein Passfoto, niemand eine neue Frisur, die alte Brille tut es auch noch, weil niemand verreist, ins Büro geht oder sich ins Nachtleben stürzt.

Nur vereinzelt tröpfeln Menschen in die Ladenpassage. Masken werden hervorgekramt, andere erscheinen vermummt und behandschuht, als gehörten sie zum schwarzen Block. Das Restaurant, in dem um diese Zeit sonst wahrscheinlich Hochbetrieb herrscht, ist verwaist. Take-away schön und gut, aber wo soll man das Essen verzehren? Nirgends eine Gelegenheit, die zum Sitzen oder Verweilen einlädt. Die obligaten Säcke mit der Gartenerde, die vor dem Eingang zum Grossverteiler lagern, scheinen auch träger und schiefer zu liegen als gewohnt. Dabei steht gleich nebenan das Haus des Sports, das aber auch keinen belebten oder gar dynamischen Eindruck macht. Einsam steht das Denkmal des unbekannten Speerwerfers in der Kälte.

Weiter vorne an dem viereckigen Platz mit den verschneiten Bänken gibt es ein Detektivbüro. Hier werden aber keine Fälle gelöst, zumindest keine echten, sondern Krimitrails angeboten. Garantiert unbeachtet bleibt an so einem Tag die Gelato-Box, in der Buchtauschbox findet sich Sharon Salzbergs buddhistischer Ratgeber «Wahre Liebe» neben zwei Bänden «Fifty Shades of Grey». Vor der Pizzeria steht eine Replika der berühmten David-Statue, die ein blaues Frottiertuch um die Lenden gebunden hat, was bei diesem Wetter auch nicht viel nützt.

Das Einkaufszentrum wirkt gegen den matten grauen Himmel wie eine Raumstation, die verlassen durch die endlose Leere treibt.