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Magazin
Pörtner in Landquart

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Auf der anderen Seite der Geleise, zwischen Eisenund Autobahn, liegt das Landquart Fashion Outlet. Der Dorfplatz ist ein Parkplatz. Ein riesiger, der allen Innenstadtautoshoppenden Tränen in die Augen treibt. So gross. So viel Platz. Und kostet fast nix. Das Leben kann so schön sein.

Schön wie ein Dorf, in dem es nur eine Hauptstrasse gibt, nur Läden, keine Bewohner. Eine mit Hits aus vergangenen Jahrzehnten dezent beschallte Hauptstrasse mit Sitzgelegenheiten, Grünpflanzen und Foodtrucks. Die schmucken, zweistöckigen Häuser sind nicht etwa einheitlich, nein, es gibt ganz unterschiedliche Modelle: Die Fassaden sind weiss oder gelb oder apricot. Häuser mit holzverkleidetem Obergeschoss, in dem sich wahrscheinlich Büround Lagerräume befinden, auch wenn sie wie Wohnungen wirken sollen, mit Balkon, mit Laube, mit aufgemalten Steinquadern oder einer beliebigen Kombination aus diesen Elementen. Alles einheitlich und doch nichts genau gleich.

Dazwischen Holzbeigen, Gartencafés, Blumenkübel, Sitzbänke, Strassenlaternen. Es wirkt wie die Fussgängerzone in der Innenstadt eines Touristendorfs oder eines historischen Städtchens, vertraut, hier war man schon, ohne je hier gewesen zu sein. Das Publikum ist durchmischt. Hunde werden spazieren geführt, Halbwüchsige beiderlei Geschlechts vom Typ Ladenschreck ohne Kaufabsicht verstrolchen den freien Mittwochnachmittag. Männer in Anzügen eilen zielstrebig vorbei, zum Aufstocken des Bestands an Businesshemden. Touristinnen machen das Beste aus dem nebligen Regentag. Auffällig ist, dass die Leute nicht besonders fashionbewusst wirken. Das ist ein Kennzeichen der Markenmode: Es kommt nicht darauf an, ob einem das Teil steht, es kommt darauf an, was auf dem Teil steht. Weltbekannte Modehäuser, Gibt’s-die-immer-nochMarken und nie gehörte Labels wechseln sich ab mit den grossen Namen der Sportund Outdoor-Branche. Es gibt Pfannen und Töpfe, Schokolade, Kaffee und Kägi fret. Das Konzept ist durchdacht: Gegenüber den Lingerie-Läden liegt das Geschäft für Babysachen. Die Stimmung ist gut, niemand wartet auf den Bus, niemand muss zur Arbeit, alle gönnen sich etwas. Die Menschen schlendern die Strasse hinauf und kommen strahlend, eine Einkaufstüte schwingend, wieder zurück. Schnäppchenjagd erfolgreich, Geld gespart.

Das Dorf verfügt über einen Spielplatz und ein eigenes Tourismusbüro. Für den Laien ist das Angebot der Outlet Shops schwer von dem der städtischen Flagship Stores zu unterscheiden. Sind es letztjährige, gefloppte oder leicht beschädigte Modelle, die hier angeboten werden? Oder wird ganz einfach die im Gegensatz zur Innenstadt gewiss tiefere Miete an die Kundschaft weitergegeben?

Rätselhafter Detailhandel. Vielleicht sieht so seine Zukunft aus. Raus aus den Innenstädten, wo die Flächen so teuer geworden sind, dass sie nur noch als Büroflächen oder Co-Working-Spaces vermietet werden können. Ausser zum Arbeiten fahren die Leute nur noch in die Stadt, um das für die Abendgarderobe eingesparte Geld ins Theater oder in den Club zu tragen. Wer weiss? Noch befindet sich auf der anderen Seite der Geleise eine ganz normale Schweizer Kleinstadt. Eine andere Welt.