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Tour de Suisse
Pörtner in Langenthal

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Die Einzigen, die an diesem Vormittag lächeln, sind die übergrossen Kinderfiguren aus Metall, die auf dem Verkehrskreisel stehen und verkünden: «Üsi Schuel isch super». Die Menschen lächeln nicht, es ist einer dieser Sommertage – die beklagte Hitze ist seit ein paar Tagen vorüber –, mittelländisch, mittelständisch, mittelprächtiges Wolkenwetter, ein bisschen Regen, ein bisschen Wärme, aber nichts Richtiges. Die einen ignorieren die Abkühlung und beharren weiterhin auf Shorts, T-Shirt und Flipflops, während andere die fürs Wandern eingekaufte Funktionskleidung, Fleece-Weste und Regenjacke, nun halt zum Einkaufen tragen. Stolz künden die Flaggen über der St. Urbanstrasse vom Wakkerpreis, den der Heimatschutz der Stadt heuer zugesprochen hat: «Gewürdigt werden einerseits der sorgfältige Umgang mit der Bautradition und andererseits das Planungsverfahren, das bei der Realisierung von Bauprojekten zum Tragen kommt.»

Tatsächlich hat man hier, an diesem Verkehrsknotenpunkt, alles harmonisiert, die altehrwürdigen Gebäude aus vorvergangenen Jahrhunderten, die auf das Primat des Automobils ausgelegte Verkehrsführung aus dem vergangenen Jahrhundert, die Integration des Shopping-Centers ins Kleinstädtische. Was bringt dieses Jahrhundert? Das ist auch hier die Frage, das leerstehende Laden lokal des bankrotten Modehauses OVS, die Depotfiliale, die der Grossverteiler Migros lieber heute als morgen loswerden will, zeugen vom Umbruch im Detailhandel, von der Verlegung des Einkaufserlebnisses von der Stadt ins Wohnzimmer. Um den Kreisel fahren Lastwagen, die kaum die Kurve kriegen, wendige Lieferwagen und als Firmenautos gekennzeichnete PKWs, die von der Widerstandsfähigkeit des lokalen Gewerbes zeugen, das sich im Strom der Zeit bewegt, ausgebremst von Kinderwagen, von Jugendlichen, die zu McDonalds gehen, von unbehelmten alten Frauen auf Damenfahrrädern.

Die Menschen kommen von überall her, sie tragen neben Funktionskleidung und Badelatschen auch Schleier und Kopftuch und lila T-Shirts, auf denen in Glitzerschrift «Oh Sunday» steht. Kinder laufen, hüpfen, schlurfen hinter ihren Müttern her, gehen an ihrer Hand. Das Einkaufen ist ganz klar Frauensache, der kleine Bub trägt sein Schwesterchen über den Fussgängerstreifen, liebevoll. Die St. Urbanstrasse ist kein Laufsteg, niemand will auffallen, niemand fällt auf, das ist auffällig. Niemand grüsst, niemand bleibt stehen, niemand kennt sich. Die Grossfamilie stammt aus Asien und geht auch zu McDonalds, Touristen, das gibt es hier, angelockt von Sehenswürdigkeiten mit internationaler Ausstrahlung.

Vor dem McDonalds darf geraucht werden, als Aschenbecher dienen Untersetzer, auf denen umgekehrt die dazugehörigen Blumentöpfe stehen, damit die Kippen nicht vom Winde verweht werden.

Zwei schwarzhaarige Brüder teilen sich brüderlich die Earbuds, sie grooven zum selben Beat über den Fussgänger streifen, überholen die Frau mit dem Rollator. Die Wolken verziehen sich. Die Sonne kommt durch, und jetzt lächelt sogar der Mann mit dem Wadentattoo.