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Tour de Suisse
Pörtner in Lenzburg

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Die Züge fahren auf Hauptund Nebengeleisen, sodass der Vorortszug auf dem Busparkplatz zu stehen kommt. Auf die Busse wartet man unter gelben, aneinandergereihten Unterständen, deren Dächer an den Oberkiefer von Donald Duck erinnern. Sie sind praktisch, diese Unterstände, mit gerne genutzten Bänken versehen, und doch haben sie etwas Schäbiges. Das Material, eine Art Fiberglas, ist schwer zu reinigen und strahlt nicht mehr die moderne Zuversicht aus wie damals, als die Unterstände eingeweiht wurden, vermutlich vor etwa vierzig Jahren. Man glaubte wahrscheinlich, das Material würde ewig halten oder es gab noch ein Budget für die aufwendige Reinigung mit Spezialbürsten, das irgendwann einer Sparübung zum Opfer fiel. Daneben steht ein beliebter Kebab-Stand, der Stehtische unter einer Betonrampe anbietet, geradezu heimelig urban fühlt es sich dort an, geschützt vom halbstündlich einsetzenden Trubel.

Das Bahnhofsgebäude ist ebenfalls von angejahrter Modernität, auf dem Dach steht ein hohes Metallkonstrukt, das sowohl eine Antennenwie auch eine Sirenen-Anlage sein könnte. Ein Bus fährt nach Bettwil, ein Ort, der vermutlich nichts dagegen hat, als Schlafstadt bezeichnet zu werden, vielleicht sogar als solche konzipiert wurde. Ein ICE braust vorbei, die internationalen Schnellzüge halten hier nicht, nicht einmal die nationalen, die täglich Tausende Berner*innen nach Zürich und Zürcher*innen nach Basel oder umgekehrt bringen.

Dabei würde sich ein Zwischenhalt durchaus lohnen, dem Bahnhof gegenüber befindet sich das Stapferhaus, das nichts weniger ist als das «European Museum of the Year». Das Ganze ohne Werke zweifelhafter Herkunft, wie andernorts. Die aktuelle Ausstellung trägt den Titel «Geschlecht. Jetzt entdecken».

Wer mehr gelebte Körperkultur möchte, findet am anderen Ende des Bahnhofsplatzes ein Fitnesscenter, das «Puregym» heisst. Was die Frage aufwirft, ob der Name englisch oder deutsch ausgesprochen werden sollte. Einmal wäre es dann ein pures oder reines Fitnesscenter, im anderen eins für Bauern. Gut möglich, dass diese, mit den hier anhaltenden Bussen aus dem Umland herbeigekarrt, gemeint sind.

Am Bahnhof gibt es einen klassischen Kiosk sowie den obligaten Bretzelanbieter und die Grossverteiler-Kleinfiliale. Auch die Verpflegungsautomaten sind gut vertreten, gleich vier davon finden sich an der Stirnseite des Bahnhofes, dazu noch ein Fotoautomat, einst beliebte Zeitvertreiber und Erinnerungsbereiter.

Nostalgisch wirkt der Unterführungsmusikant, der Grunge-Hits von Soundgarden bis Nirvana spielt. Gruppen, die zu einer Zeit populär waren, als man sich auf dem Heimweg vom Konzert leicht in einem Fotoautomaten wiederfinden konnte. Oder in einer Telefonzelle.

Es gibt Parkplätze direkt beim Bahnhof, die gut genutzt werden, Reisende werden abgeholt oder auf den Zug begleitet. Obwohl es kalt ist, ist die Velo-Zug-Kombination beliebt, der Veloparkplatz ist voll, die Leute kurven über den Platz, tauchen unvermittelt mit ihren Fahrrädern aus der Unterführung auf und pedalen in alle Windrichtungen davon.