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Tour de Suisse
Pörtner in Muri bei Bern

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Vielleicht war hier ja wirklich einmal ein Marktplatz, auf dem die Bauersleute aus der Umgebung ihre Waren feilboten, nicht nur die in der nahen Hauptstadt Bern so beliebten Zwiebeln, sondern allerlei Früchte und Gemüse oder gar Hühner und Geissen. Ein buntes Treiben wird da geherrscht haben, Stimmen, Farben und Gerüche. So mag es einst gewesen sein, heute ist es nicht mehr so. Ganz in Gegenteil. Der Platz liegt verlassen im Nieselregen, grau der Steinbelag des Bodens, grau die zusammengestapelten Tische, grau die Fassaden der Gebäude, grau der Himmel. Fast ausgestorben wirkt es. Zu Fuss ist hier niemand unterwegs, nur ein Mann raucht vor dem Eingang der Arztpraxen.

Der heutige Marktplatz befindet sich unter der Erde, in Form einer Grossverteilerfiliale, die hauptsächlich mit dem Auto angesteuert wird. Darunter leidet natürlich die Bewegung. Wer diese vermisst, kann sich im Dance Studio austoben. «Contemporary Floor Work» heisst ein Tanzstil, der leicht auch für einen Bodenbelag gehalten werden könnte, ein anderer nennt sich «Lyrical Jazz». Ob dabei zu Jazzmusik mit dem Oberkörper gewippt und dazu geraucht wird? Neben dem Lift steht eine Fotozelle, beliebt bei Halbwüchsigen, sowie ein gelbes Campingbüsslein mit Surfbrett auf dem Dach und dem Nummernschild «Happy». Gegen Geld wippt es eine Weile hin und her, ob zum Rhythmus von «Lyrical Jazz» oder eher zu Surfsound, lässt sich nicht feststellen, da niemand eine Münze einwirft.

Einen Stock weiter oben, dort wo der Eingang zum Lebensmittelgeschäft ist, steht eine kleine Bank: «Taten statt Worte Nr. 321» heisst es auf der Lehne, plus eine Verdankung der Hersteller-Genossenschaft.

Nicht ganz klar ist, worin die Tat besteht. Bänke, selbst solche an durchaus unattraktiven Standorten wie diesem, bei dem der Blick nicht in die Ferne schweifen, sondern höchstens mit dem Lift nach oben fahren kann, laden doch viel mehr zu Worten als zu Taten ein. Auf Bänken lassen sich gut Gespräche führen, Texte lesen (dabei handelt es sich streng genommen um Wörter) oder Gedanken spinnen. Zum Beispiel dazu, was wohl die anderen 320 Taten waren, die statt Worten in die Welt gebracht wurden.

Die Verschnarchtheit dieses Marktplatzes, der bestimmt auch belebtere Zeiten kennt, wird unterstrichen durch ein hier ansässiges Schnarchtherapie-Zentrum. Solche sollte es viel mehr geben. Wer schon einmal eine Nacht in einer Berghütte oder einem Massenlager verbracht hat, kennt und fürchtet die unvermeidlichen Schnarcher*innen, die jeglichen Schlaf verunmöglichen. Lieber verbringt man die Nacht auf einer Parkbank in einem Parkhaus vor einem Lift.

Jene, die nicht mehr gut hören, vielleicht geschädigt vom lauten Schnarchen, finden Abhilfe im Hörakustik-Zentrum: «Besser hören, besser verstehen und mehr». Auch der Coiffeursalon heisst «Haar und Mehr», und zum Beweis, dass dies kein leeres Versprechen ist, werden die Mehrs auf einem Aushang definiert.

Ein mittelalterlicher Mann trägt drei Packungen Windeln davon. Gewiss wurde ihm der Auftrag per Handy erteilt, er möge doch in der Mittagspause schnell welche besorgen. Auf einem altertümlichen Marktplatz hätte er diese kaum gefunden.