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Tour de Suisse
Pörtner in Oberwil, BL

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Die Tramfahrt beginnt mit einer Durchsage. Verschiedene Linien sind blockiert, es kommt zu «situativen Umleitungen». Wegen eines Unfalls. «Ui, jesses Gott!», reagiert ein Passagier, obwohl unsere Linie nicht betroffen ist. Ein Bub vermutet, dass ein Auto ins Tram gefahren ist, und schildert detailliert den möglichen Unfallhergang. Die Tramhaltestelle heisst Hüslimatt, liegt aber in einem Industriegebiet mit grossen Schachtelbauten, in denen Autogaragen, Motorradhändler, Betten-, Gewerbeund Teppichhäuser sowie Freikirchen untergebracht sind. Die fadengerade Langmattstrasse erinnert an Einfallstrassen in amerikanischen Kleinstädten, irgendwo weit draussen auf dem Land. Die Polizei fährt mit einem Kleinbus vorbei, auf dem Geräte montiert sind, deren Zweck nicht gleich ersichtlich ist. Sieht ähnlich aus wie ein Google-Maps-Auto.

Was machen eigentlich Autohändler unter der Woche oder überhaupt den ganzen Tag? Die Kundenfrequenz ist tief, an einem Dienstagnachmittag werden kaum Autos verkauft. Trotzdem sind die Autohäuser offen. Irgendwo in einem kleinen Glaskabäuschen inmitten der auf Hochglanz polierten, wohlriechenden Kraftfahrzeuge sitzt eine Person und ist, wenn man hereinkommt, sehr beschäftigt.

An dieser Strasse kann man zwischen verschiedenen Marken aussuchen, hier steht das schicke Gebäude der Luxusmarke, hier das nüchterne der ehemaligen Qualitätsmarke, von der wohl nur Aficionados ein Modell der letzten zwanzig Jahre nennen könnten. Weiter hinten die Marke aus dem Nachbarland, die vor allem die Neuauflage eines Kleinwagens anbietet, der im Volksmund einen liebevoll-verächtlichen Übernamen hatte.

Das wird diesem Modell kaum passieren, die Zeiten, da Autotypen Übernamen hatten, sind vorbei. Die Beziehung zum Auto ist nicht mehr so emotional, wie es die Autowerbung immer noch suggeriert, ausser bei jungen Männern, die hin und wieder durch Lärmemissionen und Geschwindigkeitsübertretungen von sich reden machen.

Auch Betten und Küchen scheinen an Dienstagnachmittagen wenig nachgefragt zu werden. Trotzdem öffnen Gewerbetreibende ihre Läden. Sie müssen mit einer positiven Grundeinstellung ausgestattet sein, um an Tagen wie diesen keine Zweifel an ihrem Geschäftsmodell aufkommen zu lassen. Ein junger Mann mit Sporttasche hat den Gang drauf, den Leute draufhaben, wenn sie ins Training gehen. Tatsächlich befindet sich unweit der Freikirche ein Fitnesscenter, von beidem gibt es mehrere an dieser Strasse. Auf hundert Metern Länge finden sich drei verschiedene religiöse Gemeinschaften, auch das erinnert an Amerika.

Eine Querstrasse weiter hinten, hinter der Autowaschanlage und dem Lieferanteneingang des Einkaufszentrums Mühlematt, findet sich tatsächlich eine Matte oder ein Feld, eine ländliche Grünfläche mit Wanderwegen und schmucken Familiengärten. Sanft flattern die auf der Rückseite des Baucenters angebrachten Werbefahnen im Wind, vor einem Wasserturm oder zumindest etwas, das wie einer aussieht und das Amerikagefühl ein weiteres Mal verstärkt. Nur die freundlich grüssenden Spaziergänger*innen erinnern daran, wo man sich wirklich befindet.