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Tour de Suisse
Pörtner in Oensingen

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Oensingen ist Industrie. Auf der einen Seite der Geleise erstrecken sich Areale und Flachbauten, so weit das Auge reicht. Firmen, die man kennt und solche, von denen man noch nie gehört hat. In der Bahnhofsunterführung wird in einem Schaukasten dem Lehrling zur bestandenen Abschlussprüfung gratuliert. Eine Bahnhofsgaststätte gibt es nicht, nur einen Kiosk mit Stehtischchen. Postkarten fehlen im Sortiment, dafür kann ein Kleinkredit für ein Elektrovelo aufgenommen werden. Der Wegweiser mit der Aufschrift «Dorf» zeigt in Richtung der schroffen Ausläufer der Jurakette. Vor dem Bahnhof fährt ein Zug nach Irgendwo.

Der Weg zum Einkaufszentrum führt durch eine klassische Blocksiedlung. Es sind noch Wohnungen zu mieten, es werden aber bereits neue gebaut. Die Von Roll-Strasse führt denn auch nicht zum riesigen Von Roll-Hydro-Areal – an dessen Eingang ein schmuckes Pavillonzelt steht und ein Schild mit richterlichem Verbot, das Unbefugten den Zutritt untersagt –, sondern in eine aufgeräumte Siedlung mit dem Namen «Leuenfeld», das gemäss Übersichtsplan über einen eigenen Park, ein Ärztezentrum inkl. Psychiatrie und psychologischer Beratung sowie einen Kinderhort und Quartierraum verfügt. Auch hier werden neue Wohnungen gebaut.

Die an der Hauptstrasse angebrachte Infotafel klärt die unbedarften Besucher*innen darüber auf, dass es sich bei der Burg um das Schloss Neu-Bechburg handelt, das 1215 erbaut wurde und genauso aussieht, wie man sich eine Burg eben vorstellt. Zudem gibt es Wanderund Radwege, Fussgänger*innen sind indes-sen kaum unterwegs. Die Zone-30Schilder sind mit dem Logo der Gemeinde «gebrandet». Eine solche Tafel befindet sich an der Siedlungsstrasse. Diese führt in ein Viertel mit kleinen, bunten Einfamilienhäusern. Etwas weiter vorne befindet sich ein dem Notfalltraining gewidmetes Haus. Das Trottoir überquert einen lauschigen, plätschernden Bach, im Hintergrund ist eine gedeckte Holzbrücke zu sehen. Als nächstes ist es eine Schnellstrasse, die überquert wird. Bald weisen die Schilder nach «Gewerbe Ost», «Gewerbe West» und «Industrie Süd».

Eine kleine Herz-Jesu-Kirche säumt den Weg, der vorbei am Bienken-Saal mit seinen 700 Sitzplätzen, in dem wahrscheinlich auch bald wieder Veranstaltungen stattfinden können, zum Einkaufszentrum Mühlefeld führt.

Dort hockt ein Jugendlicher ganz frei von Ironie und Retroschick auf einem Puch-Maxi-Mofa. Überhaupt sammeln sich hier die Menschen, von denen bis dahin so wenig zu sehen war. Kinder sitzen am Rand des grossen Platzes, der von einer Plakatwand des lokalen Gewerbevereins dominiert wird. An der gegenüberliegenden Bushaltestelle verkehrt die Linie 125, Montag bis Freitag um 07.35 und 13.35 Uhr, Samstag und Sonntag gar nicht.

Man trifft sich im Café und freut sich über die Gesundheit, obwohl man einen Rollator braucht, oder auf das Singen, das nach langer Zeit endlich wieder einmal stattfindet. Ausser den beiden Grossverteilern gibt es eine Dance Art Academy und – etwas unerwartet – ein Kino, in dem abwechselnd Blockbuster und Kinderfilme gezeigt werden. Vielleicht benutzt dann auch jemand das winzige Münzkarussell, das vor der Bäckerei angekettet ist.