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Tour de Suisse
Pörtner in Turbenthal

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Nahezu gespenstisch still ist es hier um die Mittagszeit. Passenderweise empfängt am Bahnhof das Hotel Schwanen mit einer Dracula Bar. Wahrscheinlich ist diese nicht ganz so exklusiv wie der Dracula Club in St. Moritz, aber hoch zu und her gehen kann es hier genauso gut, wie der Aushang für einen ins Haus stehenden Auftritt verheisst: «100 % Tanz Musik» werden garantiert. Eine Sängerin wird mit «Made in Italia» angepriesen. Tatsächlich hat sie etwas Italienisches, diese Mittagsruhe, in der die Parkplätze leer, die Perrons verwaist, die Postund Bankfilialen geschlossen sind.

Vor dem Kino sitzt man auf aus Metallkisten gefertigten Loungesofas, die sich bei schlechtem Wetter zuklappen und im Winter irgendwo stapeln lassen. Aber an schlechtes Wetter denkt hier niemand, das ist vorbei, und der Winter, der ist noch fern. Getrunken wird Cappuccino, geschwitzt in den am Morgen angezogenen Jacken, denn es scheint und wärmt die Sonne immer noch, unbenutzt bleiben die bereitgelegten Felle und Wolldecken. Im Haus ist ein Gesundheitszentrum untergebracht, gleich gegenüber liegt ein Praxiszentrum, das sogar eine Tierarztpraxis umfasst.

Zwischen alternativer und klassischer Medizin liegen nur ein Parkplatz und eine Strasse. So unterschiedlich die Behandlungsmethoden sein mögen, Einigkeit herrscht darüber, dass das Einhalten einer Mittagsruhe der Gesundheit förderlich ist.

In einem Wintergarten stehen drei Nackte, es handelt sich um graue Schaufensterpuppen neben einem Stapel Paletten. Es könnte eine Installation sein, ist aber bloss ein Aussenlager. Zu hören ist das Rauschen der Töss, die dem schönen Tal, nicht aber der Ortschaft ihren Namen gab. Auf der Landkarte sind ein Chämi-, ein Chatzenund ein Hutzikerbach auszumachen, aber weit und breit keine Turbe. Möglich, dass sie verschwunden ist, wie das Schloss, das nicht mehr steht, an das aber noch die Stiftung Schloss Turbenthal erinnert, die ein Gehörlosendorf betreibt. Diesem zu verdanken ist auch das selten gesehene Verkehrsschild, das auf Gehörlose aufmerksam macht. Bestimmt gibt es Menschen, die durchs Land fahren, seltene Verkehrsschilder fotografieren und auf einer Karte vermerken. Wenn nicht, wäre das ein exklusives Hobby, das einen zum verschrobenen Exzentriker stempeln würde.

Ein durchaus weitverbreitetes Hobby hat der Mann, der auf einem Motorrad vorbeiknattert und winkt. Offenbar kennt man ihn. «Der geht jetzt einfach geniessen», so der Kommentar. Es wird ihm gegönnt. 3G wird im Café als «genossen getrunken gezahlt» interpretiert. Als 4G kommt noch «glücklich» hinzu. Ein fünftes präsentiert man wohlweislich nicht, weil das nur zu Diskussionen führen würde. Nicht mehr über diese berichten wird vermutlich die Lokalzeitung «Der Tösstaler». Das Gebäude, auf dem der Name dieser Zeitung steht, wirkt verlassen, die Diskussionen finden woanders statt, im Internet, das so mancher Zeitung das Ende bereitet hat.

Langsam aber sicher neigt sich die Mittagspause ihrem Ende zu. «Zahlen!», rufen alle gleichzeitig.