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Tour de Suisse
Pörtner in Wädenswil

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

«Schmuck» ist das Wort, das einem zu Wädenswil in den Sinn kommt. Ein schmuckes Städtchen am schönen Zürichsee, der Blick schweift über das Wasser bis hin zu den Alpen. Ein gut erhaltenes Altstädtchen mit kleinen Läden. Äusserst schmuck, malerisch gar, wenn auch etwas verschlafen an diesem Frühlingstag, an dem endlich einmal die Sonne scheint.

Wenn die Sonne scheint, gibt es bekanntlich auch Schatten, und im Schatten liegt um diese Zeit der Eingang zum Einkaufszentrum. Die Temperatur ist deutlich tiefer als auf der anderen Seite der Strasse, abweisend, unangenehm, die vor dem Kiosk im Wind wehende Glace-Karte ein Affront. Der Eingang, etwas begrünt durch halbpreisig angebotene Topfpflanzen, eine Auswahl Kräuter aus der Region und Gartenerde in Säcken, die daran erinnern, dass wir hier auf dem Land sind, hat etwas Wuchtiges, fast Brutales. Hier wurde geklotzt. Ein Betondach auf etwa sechs Meter hohen Säulen bildet eine Art Laube, die nichts Lauschiges, nichts Schmuckes mehr hat. Strenge Funktionalität, dies ist kein Ort zum Verweilen. Zielstrebig betreten die Menschen das Einkaufszentrum, die meisten gekleidet in diese dünnen, gesteppten Daunenjacken in allen erdenklichen Farbvarianten, die sich innert weniger Jahre zum festen Bestandteil der Alltagsund Freizeituniform gemausert haben. Immer praktisch, selten schön.

Selbst die Aussentische des Restaurants sind verwaist, nur vereinzelte Raucher nehmen hastig ihren Kaffee ein, gewohnt, auf die unwirtlichen Plätze verwiesen zu werden. Wenige Meter entfernt, auf der anderen Seite der Strasse, macht man es sich auf dem Vorplatz an der Sonne gemütlich. Der Eingang aber trotzt auch zur Mittagszeit als Schatteninsel der sich rundum verbreitenden Wärme.

Schaukästen werben für Wohneigentum. «Das Glück in den eigenen vier Wänden», «Zu Hause im Glück», «Haus mit Herz für glückliche Kinder und Eltern» lauten die Anzeige-Überschriften. Daneben winkt der Nothelferkurs mit einem Fahrschulgutschein für 100 Franken bei der Fahrschule, die im nächsten Aushang für Autound Töff-Fahrkurse wirbt. Immobilien und Mobilität. Wer sich niederlässt, muss sich fortbewegen. Das Gemeindegebiet ist weitläufig, der Bus fährt an grossen Wohnblöcken vorbei und an Einfamilienhäusern: schmucken Einfamilienhäusern. Für die volljährig gewordenen Jugendlichen steht der Erwerb eines Führerausweises offenbar weit oben auf der Prioritätenliste. Sie müssen raus aus der Idylle.

«Mo bis Sa 8–20 Uhr» steht auf einer der mächtigen Säulen. Die Öffnungszeiten sind gleichmässig, die Publikumsfrequenz nicht. Überdimensioniert wirkt das Geschäft an diesem Dienstag, am Samstag wird es brechend voll sein, werden die Vorräte aufgefüllt und die Verkaufsräume gestürmt.

Nicht die des auf der anderen Seite, auf der Sonnenseite gelegenen neo-schmucken Zentrums Oberdorf. Sie stehen leer. Grosse Ladenflächen, in denen nichts angeboten wird. Nichteingetretene Synergieeffekte wahrscheinlich. Offen haben ein Geschäft für Seniorenbedarf und ein Fitness-Studio namens Schmucki-Fit.

  • Surprise-Standorte: Zugerstrasse 6, Oberdorfstrasse 27-31
  • Einwohnerinnen und Einwohner: 24 455
  • Sozialhilfequote in Prozent: 2,6
  • Anteil 1-Personen-Haushalte in Prozent: 34,1
  • Anzahl Scheidungen (2018): 39