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Magazin
Pörtner in Wil SG

Der Bahnhof Wil ist ein Verkehrsknotenpunkt, keine Endstation. Eine Frau spielt eloquent auf dem Bahnhofsklavier, eine andere raucht auf dem Perron anmutig ein Zigarillo. Mit Vorortbahn, Bus, Postauto, Taxi oder im Parkhaus abgestellten Privatwagen geht es nach Hause, vom Arbeiten zum Wohnen, in die Dörfer, auf das Land, in die anderen Wils wie Gähwil, Niederhelfenschwil oder Uzwil, das, wie die Schweizer Band Knöppel klargemacht hat, kein Dorf, sondern eine Stadt ist. Ein Bus fährt nach Neulanden. Klingt verheissungsvoll, ein neues Land, noch einmal neu landen. Ein anderer fährt auf den Ölberg. Die Grösse des Platzes zwischen Bahnhof und Stadtsaal lässt erahnen, wie es hier zu Stosszeiten zu- und hergeht. Am Vormittag gehört der Platz den Rentnern, den Müttern mit Kleinkindern, den Menschen, die zum Arzt müssen. Ein Bus fährt nach Braunau und erinnert mich an eine Geschichte, die ich vor etwa fünfzehn Jahren hier erlebt habe. Ich liess mein Laptop im Zug von Basel nach Zürich liegen. Damals gab es noch keine Dropbox, und Backups machte man doch nie. In der Hülle des Laptops steckte ein Brief (so kommunizierte man damals) einer Zeitung an mich, in der die Bedingungen für einen Beitrag festgelegt waren. So war meine Adresse ersichtlich, und tatsächlich rief mich am nächsten Morgen ein junger Mann an, der das Laptop gefunden hatte, im Zug, der nach St. Gallen weitergefahren war. Er arbeite als Metzger in Wil, und so verabredeten wir uns dort am Bahnhof zur Übergabe. Weil so ein Laptop schweineteuer war, 3000 Franken hatte das Ding gekostet, nahm ich 300 Franken Finderlohn mit. Am Bahnhof stand, mein Laptop in der auffälligen gelben Hülle unter dem Arm, ein Skinhead in Vollmontur. Schwarze Bomberjacke mit Ich-bin-stolz-ein-Schweizer-zu-sein-Aufnäher, hohe Doc-Marten-Stiefel mit weissen Schuhbändeln. Zur Übergabe schlug er das Bahnhofbuffet vor. Mir war nicht ganz wohl, doch der junge Mann war nett und höflich, wir redeten über Zeitungen und Fussball. Er war begierig, von sich zu erzählen, davon, wie seine Eltern gemeint hätten, das sei nur eine Phase, das Rechtsradikalsein, er aber schon fünfzehn Jahre dabei sei, unbeirrt. Ich gab ihm zu verstehen, dass ich vom anderen Ende des politischen Spektrums käme, was ihn nicht weiter zu stören schien. Bekehrungsversuche, soviel war klar, würden beidseits nichts fruchten. Der junge Mann, nicht ganz schlank, zog nun mitten im Lokal sein T-Shirt aus und zeigte mir seine FC-Basel-, Hakenkreuz- und Reichsadler-Tätowierungen. Die ausländischen Jugendlichen am Nebentisch schauten böse zu uns herüber. Ich fürchtete schon, zwischen die Fronten zu geraten, als es mir endlich gelang, auf den Grund unseres Treffens zurückzukommen. Der junge Mann, trotz verwerflicher und inakzeptabler Gesinnung, war ein ehrlicher Finder. Der Finderlohn ist eine Ehrenschuld und ich zahlte ihn. Seither habe ich nie wieder ein Laptop liegenlassen. Das Bahnhofbuffet heisst jetzt «Planetarium», nein «Panetarium», und es ist Selbstbedienung. Draussen sitzt ein junger Mann, der seine Eltern mit einem lauten «Jolohehidi» auf sich aufmerksam macht. Sie essen zusammen zu Mittag. Der Bus nach Hosenruck kommt. Es ist ein Kleinbus.