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Tour de Suisse
Pörtner in Zürich Bellevue

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Der Surprise-Verkäufer steht vor der Bellevue-Apotheke, die einst der einzige 24-Stunden-Shop der Stadt war. Die Schlange bildet sich aber nicht bei ihm, sondern nebenan, wo es Kaffee gibt. Kaffee gibt es hier zwar alle paar Meter, aber dieser scheint besonders beliebt, was auch dem Umstand geschuldet sein mag, dass das Heissgetränk mitgenommen und auf dem gegenüberliegenden Sechseläutenplatz konsumiert werden kann, auf den bereitgestellten, zu Paaren aneinander geketteten Metallstühlen. Die Januarsonne wärmt gerade genug. Ein Möwenschwarm umflattert das Publikum, durch die Hecke ist der See zu sehen, dahinter der Uetliberg, es weht ein Hauch von Kurortstimmung.

Von Plakatwänden herunter wird um die Wette gegrinst, bald sind Stadtratswahlen, deren Ausgang schon mehr oder weniger feststeht. Selbst die international beachtete Kunsthausblamage kann den Involvierten nichts anhaben. Auch das Opernhaus, das an der Stirnseite des Platzes thront und dessen Finanzierung einst zu Krawallen führte, ist längst wieder friedlich ins Stadtleben eingebettet. Es hat etwas Beruhigendes, dass im Zeitalter von durchgetunten Onlineund Social-MediaKampagnen das gute alte Wahlplakat mit dem Kopf der Kandidat*innen immer noch eine Rolle spielt.

Ein Kind übt auf einer Mundharmonika und wer weiss, vielleicht wird es einst in einer der zahlreichen Kulturstätten der Stadt auftreten. Jugendliche sitzen im Kreis auf dem kalten Valser Granit. Der Mensch im Alter zwischen ca. zwölf und zwanzig sitzt gerne auf dem Boden. Auf Plätzen, in Zügen, an Konzerten, eine Generation nach der andern, egal mit welchem Buchstaben oder welchem griffigen Namen sie bezeichnet wird. Auch das hat etwas Beruhigendes: So verschieden sind wir gar nicht.

Wem es hier ganz allgemein zu sonnig und warm ist, kann ins bitterkalte Parkhaus hinuntersteigen und sich eine kleine Ausstellung zum Thema Archäologie anschauen. Aufgrund von Funden während des Parkhausbaus konnte das Leben am Zürichsee in der Jungsteinzeit rekonstruiert werden. Jagen, Fischen, Essen und Trinken werden anhand von Artefakten erklärt. Nicht belegt, aber zu vermuten ist, dass schon damals Jugendliche auf dem Boden sassen. Vielleicht auch Erwachsene, weil der Stuhl noch seiner Erfindung harrte.

Eine Frau scheint ein Kind anzuschreien, aber sie telefoniert bloss. Hernach werden Tauben gefüttert, immer noch telefonierend. Das Füttern von Tauben, Möwen, Enten und Schwänen ist eigentlich verpönt und aus der Mode gekommen, weil es die Tiere fett, faul und krank macht. Den Kindern aber macht es Spass, die herbeigelockten Vögel wieder aufzuscheuchen, die Mütter halten das Spektakel für die Nachwelt fest.

Auf dem Nebengleis steht das Impftram, hier fahren sonst Märli-, Krimiund Fonduetrams. Gegenüber gibt es einen Take-away, dessen Pächter*innen immer wieder wechseln. Zurzeit versucht eine US-amerikanische Donut-Kette ihr Glück. Anders als in den USA haben sich deren Filialen noch nicht als Treffpunkte für Polizist*innen etabliert.

Die Zivilbevölkerung bevorzugt ohnehin das Café gegenüber, die Schlange ist noch länger geworden.