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Tour de Suisse
Pörtner am Bahnhof Stadelhofen, Zürich

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Ein sonniger Mittwochnachmittag. Normalerweise herrscht hier ein Gewusel, es ist einer der mühsamsten Strecken­ abschnitte der Stadt, alle kommen sich in die Quere, Fussgänger, Velofahrer, Trams, Lieferwagen, Taxis, E­Trotti. An diesem Tag kann die vorgeschriebene Mindestdistanz von zwei Metern zu allen anderen Verkehrsteilnehmern problem­los eingehalten werden. Statt des Surprise-­Verkäufers steht eine Tafel auf dem Platz vor dem Bahnhof: «Bleiben Sie zu Hause. Bitte. Alle.»

Tun sie nicht. Der Veloparkplatz ist voll, doch findet sich eine Lücke. Die S­Bahnen verkehren nur spärlich. Gesichtsmasken gehören noch nicht zum Stadtbild, sind aber vermehrt zu sehen. Das Bistro, einst als Massnahme gegen die unerwünschte Präsenz von Randständigen auf dem Stadelhoferplatz eingerichtet, ist geschlossen. Neue Ansammlungen gibt es keine, nur vereinzelt sind Personen zu sehen, die schon vor der Corona­-Krise sozial isoliert waren. Einer fragt bei anderen nach einer Zigarette, erfolglos – obwohl, wer sich auf einer der Bänke niederlässt (eine Person pro Bank), telefoniert oder raucht.

Der McDonald’s ist geschlossen. An Wochenenden ist der bis tief in den Morgen hinein die Schaltzentrale der Party-Jugend. Der Platz gilt in Sommernächten als Hot Spot, letztes Jahr gab es öfter Verletzte, für diesen Sommer sind Massnahmen vorgesehen. Es wird sich zeigen, ob sie notwendig sind oder ob die Quarantäne die Pläne hinfällig macht. Wie die jugendliche und sonstige menschliche Energie während heissen Tagen und lauen Sommernächten in Wohnungen gebannt werden soll, lässt sich nur schwer vorstellen. Noch besteht die leise Hoffnung, dass im Sommer alles vorbei ist. Die aktuelle Krise wenigstens.

Geschlossen ist die Buchhandlung. In anderen Ländern bleiben diese offen, weil dort Bücher zur Grundversorgung gezählt werden. Zur Erinnerung: Bei den meisten Buchhandlungen können Bücher bestellt werden, auch und vor allem bei den kleinen Quartierbuchhandlungen, die schwere Zeiten durchmachen.

Das Kino wirbt für einen Schweizer Film, der nicht mehr vorgeführt wird. Eines Tages wird diese Krise das Material für eine Filmkomödie liefern. Eine Frau kommt mit einem Sohn und einer Bratwurst daher, Bratwürste gehören zur Grundversorgung, nicht nur in St. Gallen. Vor der Confiserie stehen die Leute im Zweimeterabstand an, ein Bild, das langsam zum Alltag gehört. Die Forchbahn ist gut besetzt, es steigen so viele Leute aus, dass für einen Moment ein Hauch von Normalität aufkommt. Die vorgeschriebene Distanz kann nicht eingehalten werden. Nicht befolgt wird das Social Distancing auch von den Spatzen, die sich zu einer Grossgruppe zusammenrotten. Einfach nachzuvollziehen, woher die Redewendung «Schimpfen wie ein Rohrspatz» stammt. Waren die schon immer so laut, spüren sie den Frühling oder beklagen sie das Ausbleiben der Unmengen an Essensresten, die sonst auf diesem Platz zu finden sind? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Anzahl von Take­aways und der Anzahl Spatzen? Für die Natur ist der Rückgang menschlicher Aktivität und Präsenz eigentlich gedeihlich. Vielleicht sind die Spatzen da eine Ausnahme.