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Tour de Suisse
Pörtner in Dübendorf

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Ein schöner, warmer Frühlingstag. Der Coiffeur hat geschlossen, die Restaurants haben geschlossen, das Fitnesscenter hat geschlossen. Der Kiosk und die Grossverteiler haben offen. Der Optiker hat offen. Es wird eingekauft. Die Leute sind alleine oder zu zweit unterwegs. Ausser den Jugendlichen, die sind zu sechst. Der Spielplatz mit den Holzeinhörnern ist verwaist. Das Einhorn ist das Wappentier von Dübendorf, ein Trumpf des Stadtmarketings, es stehen überall bunt bemalte Polyester­ Einhörner herum. Eine Mutter mit zwei Töchtern packt den Veloanhänger. Die Taschen wirken schwer. Ein Mann reibt sich beim Verlassen des Ladens die Hände. Nicht weil er ein gutes Geschäft gemacht hat, sondern weil er Desinfektionsmittel verwendet. Die Leute kommen mit einem Eistee, ein paar Besorgungen im Velorucksack aus dem Laden, einer hat eine 12er­Packung Energiedrinks der günstigen Eigenmarken erstanden.

Ein Mann mit Gesichtsmaske erinnert daran, dass eine ausserordentliche Lage herrscht. Ein junger Vater mit zwei kleinen Kindern geht auf den Spielplatz. Er scheint sich das nicht so gewohnt zu sein. Ein Badge hängt an seinem Gürtel. Ob er den auch fürs Homeoffice trägt oder bald zurück ins Geschäft muss? Ein Flugzeug fliegt über die Stadt. Normalerweise wären es mehr, viel mehr. Das Militär fliegt mit zwei Maschinen. Kampfpiloten können kein Homeoffice machen, vielleicht geniessen sie, wie die unzähligen Gümmeler auf den Strassen, den Umstand, dass der übliche Verkehr eingeschränkt ist.

Der Vater jagt eins der Kinder über die beiden Spielgeräte und stoppt die Zeit. So wird der Bub auf den Wettbewerb vorbereitet, der in der Welt draussen herrscht. Einfach so spielen ist nicht. Eine zweite Runde will er aber nicht mehr machen. Auf einer Tafel stehen die Parkregelpiktogramme und «Spielplatz Inside». Dazu die Koordinaten. Bevor alle ein Smartphone hatten, konnten sie jemandem mit Navi mitgeteilt werden, damit die Person wusste, wo genau man sich befand. Heute dropt man einen Pin auf die Map.

Der Platz belebt sich nun richtiggehend. Es nähert sich eine Gruppe älterer Menschen und steuert auf den Laden zu. Eine Mitarbeiterin desinfiziert die Griffe der Einkaufswägeli. Ein roter Kran schwenkt träge seinen Arm über ein Hochhausskelett. Der Turmbau zu Dübendorf geht weiter.

Das Publikum ist jung oder alt. Die einen tragen Daunenjacken, die anderen Shorts und Shirts, der Rest irgendetwas dazwischen. Diejenigen, die altersmässig zu den berufstätigen Bevölkerungsteilen gezählt werden, sind trotz allem an der Arbeit. Ausser den beiden Männern, die nun schon geraume Zeit auf einer Bank hocken und plaudern. Sie scheinen es gewohnt zu sein, sich dort zu treffen, wo kein Konsumzwang herrscht. Vier junge Frauen setzen sich in einer Reihe hin und checken ihre Handys. Eine entfernt sich ein paar Schritte, um zu rauchen, und hält nun den vorgegebenen Mindestabstand ein. Der Optiker plaudert unter der Tür mit einem Bekannten, sie stehen nah beieinander. So ganz scheint die Botschaft vom Zuhausebleiben und Abstandhalten hier nicht angekommen zu sein, trotz des Zelts vom Zivilschutz, das auf dem menschenleeren Platz vor dem geschlossenen Gemeindehaus steht.