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Tour de Suisse
Pörtner in Stäfa

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Der Tag hat aufgehellt. War es am Morgen noch nass und kalt, ist es nun schon sommerlich warm. Die Coiffeursalons und Gartencenter haben wieder geöffnet. Beim Grossverteiler in diesem kleinen Einkaufszentrum sind diverse Rayons mit rot-weissem Band abgesperrt. Die Lage normalisiert sich, noch aber herrscht kein Normalzustand.

Ein Mann bleibt mit seinem Einkaufswagen nach der Handdesinfektion verträumt stehen, bis ihn derjenige, der darüber wacht, wie viele Menschen in den Laden dürfen, auffordert einzutreten. Möglicherweise ein neuer Beruf: Publikumsaufmarschkontrolleur oder Eingangsbereichsüberwacherin oder einfach Tropfenzähler.

Zwei Buben fahren mit ihren Velos die Treppe vor dem Gemeindehaus hinunter, der eine forsch, der andere zögerlich, auf den unteren, steilen Teil wagt er sich nicht, während der Grössere schon beim zweiten Durchgang waghalsig die Stufen überspringt. Zwei Polizistinnen gebieten dem Treiben Einhalt und erklären geduldig, dass es wahrscheinlich keine so gute Idee sei, zwischen Gemeindehaus und Einkaufszentrum die Treppe hinunterzublochen. Das sieht der Bub ein oder tut zumindest so, denn eben noch sah es aus, als fände er das eine Superidee. In der Apotheke sind Atemmasken erhältlich, ein Mann kommt mit zwei Packungen unter dem Arm aus dem Geschäft.

Das Elektrovelo hat sich als Nahverkehrs-und Einkaufsfahrzeug durchgesetzt. Hat das Velo aber einen Anhänger, ist es nicht ganz einfach, einen Parkplatz zu finden, eine Frau kurvt mehrfach herum. Zwei Buben mit Trottis tragen ihre Gefährte die Treppe hinunter, vielleicht wurden sie gewarnt, dass es nicht gern gesehen werde, wenn man sie hinunter-springe. Wenig später hocken sie auf die Treppe zum Chipsessen.

Eine Frau gewinnt zwar keinen Blumentopf, kauft aber einen in der draussen aufgebauten Gartenabteilung. Eine andere trägt eines dieser Insektenhotels, die gegen eine Anzahl Punkte gratis abgegeben werden oder so etwas. Die Insektenunterkünfte wurden, als das noch möglich war, aus China importiert, sodass unsere Bienen in Föhrenzapfen hausen, die um die halbe Welt transportiert wurden. Es ist nicht einfach, ein Nature Hero, ein Held der Natur zu sein. Eine Produktion in Europa wäre zu teuer gewesen, lässt das Unternehmen verlauten. Zu teuer zum Verschenken.

Es wird sich zeigen, ob sich das Konsumverhalten ändert, ob es wirklich als Verlust von Wohlstand empfunden wird, anstatt Unmengen billiger Produkte aus Fernost zu kaufen und rasch wegzuschmeissen, lokal Produziertes und Dauerhaftes zu erwerben und so neben der einheimischen Hotellerie auch die einheimische Insektenhotellerie zu unterstützen. Die Krise hat gezeigt, dass wir vieles gar nicht so dringend brauchen. In diesem kleinen Einkaufszentrum werden keine Hamsterkäufe getätigt, dafür Schwätzchen gehalten, mit dem nötigen Abstand natürlich, auf dem Platz vor dem Eingang. Aber schon ziehen wiederWolken auf, der Himmel verdüstert sich. Die Luft wird ein paar Grad kälter, und damit hat es sich mit Herumstehen.