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Tour de Suisse
Pörtner in Uster

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Dieses Einkauszentrum gibt es schon lange, Anfang der 1970er-Jahre ist es eröffnet worden, zusammen mit dem schräg gegenüberliegenden Einkaufszentrum Uschter77. Letzteres wird zurzeit umgebaut und ist mit Bauabschrankungen abgeriegelt. Das hat man hier schon hinter sich, das Zentrum wurde vor ein paar Jahren neu eröffnet und ist durchaus modern, erinnert an ein Raumschiff, das in der Stadt vor Anker liegt. Im Innern ist es allerdings ziemlich düster. Die Weinprobe verläuft harzig, niemand will sich um diese Zeit animieren lassen, Wein zu kosten oder mehr über die Vorzüge eines neuen Verschluss-Systems zu erfahren. Möglich, dass Wein ein Image- und Absatzproblem hat, denn zurzeit steckt hinter jeder unbekannten Handynummer eine Umfrage zum Thema Wein. Erklärungen, dass es auf die Gelegenheit ankomme, ob roter oder weisser Wein bevorzugt werde, werden bei diesen nicht akzeptiert, man muss sich festlegen. Entweder oder.

Die Sonne scheint, es ist endlich warm und die Terassen sind wieder offen, auch die der zentrumseigenen Verpflegungsstätte. Ein paar einzelne Tische zumindest, die allerdings auf der Schattenseite des Zentrums liegen, weshalb sie unbenutzt bleiben. 

In der Sonne liegt die Pfingstgemeinde. Der Imbiss, der sich im Untergeschoss befindet, heisst Mystery, möglich, dass dort rätselhafte Speisen erworben werden können oder die Speisekarte in Rätselform gehalten ist. Auf der Bank vor der Kleiderboutique wird die Mittagspause verbracht und über wichtige Fragen des Lebens, etwa die Vor- und Nachteile der beruflichen Selbständigkeit geredet, während nebenan eine junge Frau in schönstem Schweizerdeutsch-Italienisch-Gemisch telefoniert. 

Das Einkaufszentrum umfasst ein Hotel und Wohnungen. In eine wird ein Paket geliefert. Symbolträchtig für den Umbruch im Detailhandel, dass selbst die Leute, die im Einkaufszentrum wohnen, im Internet bestellen. 

Eine Frau wartet mit ihren Einkäufen, bis ein Taxi sie abholt. Der Fahrer lädt alles ins Auto, sie bringt den Einkaufswagen zurück, ihr Gang ist langsam. 

Auf der anderen Seite des Zentrums stehen in den Fahrradständern ausschliesslich elektrische Leihscooter. Beliebt für die Hinfahrt, unpraktisch, um mit Einkäufen beladen wieder heimzufahren. 

Etwas aus der Zeit gefallen wirkt Name Illuster, ein altmodisches Wort, dessen Bedeutung nicht mehr geläufig ist. Möglich, dass in den Achtzigerjahren, als im damals populären Hiphop das englische Wort «ill» oft verwendet wurde, die Jugend das Einkaufszentrum als Ill-Uster bezeichnete und darum irgendwie cool fand, weil es soviel wie Krass-Uster bedeutete.

Gegenüber werden zwei Hochhäuser gebaut und als urbanes Wohnen angepriesen. Hochhäuser haben ihren schlechten Ruf abgeschüttelt und erleben ein Revival. Auf derselben Strassenseite befindet sich eine etwas in Jahre gekommene Überbauung mit kleinen Geschäften. Es gibt unter anderem einen Zigarrenladen, ein Solarium, ein Reisebüro und einen Nachtklub. Gut möglich, dass dieser Abschnitt, der eine leicht heruntergekommene, aber resiliente Urbanität repräsentiert, als nächstes abgerissen und modernisiert wird. Das wäre allerdings schade.