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Tour de Suisse
Pörtner in Zug

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Der Bahnhof Zug ist modern. Will heissen, es ist ein Einkaufszentrum mit Gleisanschluss. Entsprechend verkehren hier mehr Menschen mit Einkaufstaschen als mit Koffern. Die obligaten Kaffee­Anbieter betreiben Filialen, ein Grossverteiler wartet mit einem rein vegetarischen Shop auf, der «Karma» heisst. Ausser Lebensmitteln gibt es unter dem Schild «Share your Karma!» Notizbücher und Postkarten zu kaufen. Auf einer steht: «Einen Scheiss muss ich!» Wie sich so etwas auf das Karma auswirkt? Überhaupt, ist es möglich, sein Karma zu teilen?

Die jungen Frauen, die gegenüber für ein Hilfswerk sammeln, haben wenig Erfolg. Niemand will sich das Karma durch gute Taten verderben. Zumindest nicht durch solche, die Geld kosten. Geld gibt es viel in Zug. Es ist diesem Bahnhof nicht anzusehen, dass er sich an dem Ort befindet, über den der internationale Rohstoffhandel abläuft. Die Chance, dass der Kaffee, den man trinkt, über hier ansässige Firmen gehandelt wurde, ist gross. Ein diskretes und lukratives Geschäft. Die Gegenden, in denen der Kaffee wächst, sind weit weg. Die Bauern in jenen Ländern leben wahrscheinlich so wie die Bauern in dieser Gegend vor ein oder zwei Jahrhunderten, als auch sie steilen Hängen mageren Ertrag abtrotzen mussten.

Diese Zeiten sind vorbei, doch die Geschäftigkeit und die Geschäfte würden ohne jene Bauernfamilien weit, weit weg ins Stocken geraten. Ohne ihren Kaffee liesse sich dieser Lebensrhythmus nicht durchziehen. Trotzdem verdienen sie kaum genug zum Leben, während ein Becher Luxuskaffee in der amerikanischen Filiale mit allen Schikanen rasch einen zweistelligen Betrag kostet.

Das Bahnhofspublikum wird schwallweise hereingeschwemmt. Von Bussen, die draussen auf dem kreisrunden Platz mit einem etwas verlorenen Trinkbrunnen in der Mitte anhalten, zum Beispiel die Nummer 13 aus Obersack. Ein Mann ärgert sich. Ein orthodoxer Pope studiert den Fahrplan. Schulklassen lärmen vorbei. Buben mit Hockeyschlägern. Noch ist nicht Rushhour. Die Spendensammlerinnen versammeln sich um den Stand zur Lagebesprechung. Ein Rollkoffer macht sich selbständig und kann gerade noch eingefangen werden. Kinderwagen werden im Laufschritt vorbeigekarrt, die Mütter lachen zuversichtlich.

Die Menschen, die vom Zug kommen, gehen zügig durch den Zuger Bahnhof, wo ein paar Jugendliche herumstehen, als hätten sie alle Zeit der Welt. Haben sie wahrscheinlich auch. Zu sehen sind rund acht verschiedene Arten, das Handy während des Telefonierens zu handhaben. Ein Mann mit Kopfhörern hält sein handspiegelgrosses Exemplar etwa einen halben Meter von sich, ein anderer wendet es mit einer Vierteldrehung schräg vom Kopf ab. Ob das der Verbesserung der Empfangsqualität oder bloss der Wahrung der Individualität dient, bleibt offen. Vielleicht fürchtet er, das Karma könnte von der Strahlung beschädigt werden. Sein Begleiter schaut einen Film. Ohne Kopfhörer. Ein Zug kommt an, aus dem nur Leute aussteigen, die langsam gehen. Der junge Mann am Spendenstand verwickelt eine Frau ins Gespräch. Die Securitrans nimmt den Lift. Der Kaffee wird kalt.