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Die Sozialzahl
Risiken der Erwerbsarbeit

Die Schweiz ist eine Arbeitsgesellschaft. Die Erwerbsarbeit be­stimmt nicht nur das Ausmass an sozialer Sicherheit, sie ist auch wesentliches Moment der Identität: «Ich arbeite, also bin ich» könnte man in Abwandlung eines bekannten philoso­phischen Ausspruchs postulieren. Die Erwerbstätigenquote ist entsprechend hoch. Mehr als 80 Prozent aller erwachsenen Personen zwischen 15 und 64 gehen einer bezahlten Arbeit nach. Damit belegt die Schweiz im internationalen Vergleich einen Spitzenplatz. Trotzdem soll die Erwerbsquote mit ver­schiedenen Massnahmen noch gesteigert werden. Eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie soll zu einer noch stär­keren Erwerbsbeteiligung der Frauen führen, verschiedene Förderprogramme den Verbleib älterer Mitarbeitenden in den Betrieben sicherstellen. 

Was in dieser Diskussion gerne vergessen geht: Erwerbsarbeit kann auch die Gesundheit beeinträchtigen. In Zeiten der Industriearbeit standen dabei die physischen Risiken von Un­fällen in den Fabriken im Vordergrund. Heute, wo die meisten Erwerbstätigen in Dienstleistungsfunktionen arbeiten, geht es mehr um die psychosozialen Gesundheitsrisiken. So geben in der aktuellen Schweizerischen Gesundheitsbefragung sechs von zehn Erwerbstätigen an, meistens oder immer unter hohen Arbeitsanforderungen zu stehen. Mehr als die Hälfte der Befragten klagt über dauerhaften Zeitdruck. Deutlich mehr als zehn Prozent fürchten gar um ihren Arbeitsplatz. 

Die psychosozialen Risiken bei der Erwerbsarbeit weisen geschlechtsspezifische Muster auf. So stehen deutlich mehr Männer als Frauen unter einem steten Zeitdruck, während Frauen häufiger den geringen Gestaltungsspielraum beklagen und stärker als Männer unter Diskriminierung und verschie­denen Formen von Gewalt leiden. Viele Erwerbstätige sind zu­ dem nicht nur einem, sondern gleich mehreren dieser psycho­sozialen Risiken am Arbeitsplatz ausgesetzt.

Damit steigt die Wahrscheinlichkeit von krankheitsbedingten Absenzen. Die Kosten für diese Ausfälle in den Betrieben bewegen sich inzwischen in Milliardenhöhe. Dies zeigt der Job­ Stress­-Index, den die Schweizerische Gesundheitsförderung letztmals für das Jahr 2016 berechnen liess. Die betriebswirt­schaftlichen Kosten des Stresses am Arbeitsplatz werden auf 5,7 Milliarden Franken geschätzt. Dieser Betrag setzt sich aus zwei Komponenten zusammen. 4,9 Milliarden Franken entsprechen dem Wert jener Arbeitsleistung, die wegen der zu hohen Stressbelastung und der damit einhergehenden Er­schöpfung von den Erwerbstätigen nicht erbracht wird; 0,9 Milliarden Franken gehen auf das Konto der ausgefallenen Arbeitsleistungen wegen stressbedingten Fehlzeiten und Absenzen. 

Allein diese Zahlen machen deutlich, dass die Unternehmen in eigenem Interesse gefordert sind, mehr für die psychosoziale Gesundheit ihrer Mitarbeitenden zu tun. Denn der Druck am Arbeitsplatz wird in Zeiten der Globalisierung und Digitalisie­rung nicht abnehmen. Und die Belegschaften werden im demografischen Wandel älter. Unmerklich wird so die Gesund­heit der Belegschaft zu einem Schlüsselfaktor der unter­nehmerischen Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit. Und die Rede von der gesellschaftlichen Verantwortung der Wirt­schaft bekommt einen sehr konkreten Inhalt.