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Verkäufer*innenkolumne
Schnee schaufeln

HANS RHYNER (66) verkauft seit sechs Jahren Surprise in Zug und Schaffhausen und ist Surprise-Stadtführer in Zürich.

Er hat im Umgang mit seiner Suchtvergangenheit gelernt, sich selbst zu beobachten. Und zu spüren, was ihm wirklich guttut.

Ich habe bei meiner Mutter in Elm Schnee geschaufelt, im Wissen drum, dass es eine vergebliche Mühe ist. Eine Woche später wäre er sowieso wieder weg gewesen.

Wenn es nicht mehr zu schneien aufhört, wenn du am Morgen aufstehst und siehst, es kommt immer mehr dazu, Stunde um Stunde, dann kann es unheimlich werden. Es könnten Staublawinen kommen. Bei einer Grundlawine hast du vielleicht noch Zeit davonzurennen. Die kommt langsamer, aber sie nimmt alles mit, mit einem Luftdruck, der dich auf den Boden wirft. Wenn es nächtelang und tagelang schneit, werden die Mauern immer höher. Du kriegst den Schnee fast nicht mehr weg. Schnee kann schön sein, aber wenn man ihn wegschaffen muss, kann man auch irgendwann genug haben. Trotzdem, Schnee zu schaufeln tut mir gut. Es ist körperlich, es sind Massen, die man wegschaufelt. Ich kann so die Natur wahrnehmen.

Seit einem Jahr bin ich pensioniert. Ich habe mich auf diesen Moment schon lange vorbereitet. Auch mit dem Holzen bei der Mutter. Als Bergbauernsohn musste ich immer holzen gehen, und mit den Jahren war es nicht mehr ein Müssen, sondern ich habe es gern gemacht. Es ist für mich mit Zufriedenheit verbunden. Die Vorbereitung aufs Alter ist, Zufriedenheit zu lernen. Wenn ich nun in der Weltgeschichte herumreisen würde, oder auch nur schon, wenn ich in den Zug hocken und ins Tessin reisen würde – ich weiss nicht, ob mich das zufrieden machen würde.

Ich kann auch nicht einfach in eine Beiz sitzen und Gesellschaft suchen. Die Gefahr, dass ich wieder in das alte Fahrwasser hineinkäme, ist zu gross. Meine Alkoholgeschichte zwingt mich dazu, mir meine eigene Art von Zufriedenheit zu suchen. Es ist mein eigener Weg, den ich gehen muss.

Elm liegt im Sernftal, einem Föhntal. Der Föhn. Warmluft mit 190 bis 200 Stundenkilometern. Die letzten zehn Jahre war es etwa in acht Wintern so, dass der Schnee eine Woche später wieder weggeschmolzen war. Als ich in die erste Primarklasse ging, feierten wir Weihnachten bei plus 24 Grad.


 Die Texte für diese Kolumne werden in Workshops unter der Leitung von Surprise und Stephan Pörtner erarbeitet. Die Illustration zur Kolumne entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Design & Kunst, Studienrichtung Illustration.