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SERIE: DIE UNSICHTBAREN
Schöne neue Freiheit

Flexibilität, Freiheit, Selbstbestimmung: Unternehmen versprechen Angestellten heute das Blaue vom Himmel. Was steckt dahinter?

«Sind feste Arbeitszeiten nicht dein Fall?», fragt der Pseudo-Taxidienst Uber in lockerem Tonfall auf seiner Webseite. Wer die Frage bejaht, ist bei Uber goldrichtig: «Als selbstständiger Partner-Fahrer hast du die Freiheit und Flexibilität, deinen Tagesablauf selbst zu bestimmen», verspricht das US-Unternehmen mit Sitz in San Francisco. «Sei dein eigener Chef», appelliert Uber weiter. Der eigene Chef sein, Freiheit und Flexibilität geniessen – wer da nicht zugreift, ist selber schuld.

Und wie ist er so, der Alltag als «selbstständiger Partner-Fahrer» bei Uber? Alles andere als selbständig. Wie viel eine Fahrt kostet, bestimmt Uber, nicht die Lenker*innen. Und Uber zahlt grundsätzlich keinerlei Sozialleistungen oder Versicherungen. Wer beim Fahren für Uber mit dem privaten Auto einen Unfall hat, muss sich selber zurechtfinden. Und die Krönung dieser Nicht-Selbständigkeit: Fahrer*innen sind zwar eindeutig abhängig von Uber, aber es gibt keine Garantie, dass man auch nur einen einzigen Franken verdient. Das Geschäftsmodell ist nämlich geradezu darauf ausgelegt, dass die Menschen am Steuer möglichst wenig verdienen. Je mehr Fahrer*innen, desto bequemer ist die Dienstleistung für Gäste und desto höher die Einnahmen für Uber – aber pro Fahrer*in sinkt die Anzahl Fahrten und damit das Einkommen. In einer Untersuchung von 2018 wurde nachgewiesen, dass das monatliche Einkommen von Uber-Fahrer*innen zwischen 2013 und 2018 um gut 50 Prozent eingebrochen ist. Das bedeutet: Auch wenn man Vollzeit für Uber fährt, kann man davon kaum leben. Die versprochene Freiheit und Flexibilität offenbaren sich als leere Versprechen. Der Schritt in die vermeintliche Selbständigkeit entpuppt sich als Schritt in das wirtschaftliche Prekariat.

Uber ist nur ein Beispiel für den Megatrend der «Flexibilisierung», der in westlichen Ländern seit der neoliberalen Revolution der 1980er-Jahre und der damit verbundenen Deregulierung Fuss gefasst hat. Immer mehr Unternehmen, von hippen «Gig Economy»-Plattformen bis zu alteingesessenen Industriebetrieben, setzen auf vermeintliche Flexibilität und Selbstbestimmung. Diese schönen neuen Freiheiten gibt es tatsächlich – aber sie sind von Vorteil für die Unternehmen, nicht für die Arbeiterschaft.

Flexibilisierung, aber für wen?

Die Ökonomin Heejung Chung bemerkt in ihrem Buch «The Flexibility Paradox», dass der Trend hin zu mehr «flexibler Arbeit» ein Widerspruch in sich ist. Flexible, örtlich und zeitlich frei gestaltbare Arbeit müsste auf den ersten Blick zu mehr Lebensqualität und frei gestaltbarer Lebenszeit führen. Doch faktisch passiert genau das Gegenteil: Mit flexibler Arbeit wird nicht weniger, sondern mehr gearbeitet, und die Grenze zwischen Arbeitszeit und freier Lebenszeit verschwimmt. Es gibt keinen richtigen Feierabend mehr, kein Ende der Arbeitszeit. Man ist immer erreichbar, steht immer für informellen Pikettdienst bereit.

Dieser Widerspruch betrifft einerseits verhältnismässig privilegierte Menschen, deren berufliche Situation beispielsweise das Arbeiten im Homeoffice, also von zuhause aus, erlaubt. Homeoffice hat aus Sicht der Arbeitenden Vorteile (z.B. fällt der Arbeitsweg weg), aber mit dem Arbeiten von zuhause aus werden die Kosten für die räumliche und technische Infrastruktur den Angestellten aufgebürdet. Auch bedeutet Homeoffice, dass eine neue Ära der digitalen Überwachung Einzug hält. Das Management beobachtet die Menschen über digitale Aktivitäten, schlimmstenfalls direkt über Kameras auch dann, wenn man sich unbeobachtet fühlt. Und dies, während sich die Arbeiter*innen in den eigenen vier Wänden befinden. Die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben lösen sich auf, das Ökonomische kolonisiert das Intime.

Der Trend zur Flexibilisierung trifft anderseits aber jene Menschen am härtesten, die am wenigsten haben: Es gibt immer mehr prekäre Arbeit. Prekäre Arbeit ist Arbeit, die sich durch tiefe Löhne, unsichere Anstellungsverhältnisse und wenig Einflussmöglichkeiten seitens der Beschäftigten auszeichnet. Mit anderen Worten: Prekäre Arbeit ist Arbeit, die ein würdiges, lebenswertes Leben verunmöglicht. Arbeiten in der Gig Economy, also über Online-Vermittlung wie bei Uber oder bei Lieferdiensten wie «Just Eat» (in Deutschland «Lieferando»), sind besonders stossende Beispiele für Prekarität, aber das Problem an sich ist viel älter.

Prekäre Arbeit ist seit rund vierzig Jahren auf dem Vormarsch. In den 1980er-Jahren begannen westliche Länder mit der Umsetzung neoliberaler Wirtschaftsreformen, die eine Deregulierung zugunsten von Grossunternehmen und zulasten von Arbeiter*innen zum Ziel haben. Jenseits der Gesetze haben sich aber auch unsere Vorstellungen von akzeptabler Arbeit verändert. Generationen von Menschen wuchsen und wachsen mit der Ideologie der Leistungsgesellschaft auf: Wir leben, so die Vorstellung, in einer Meritokratie, und jede und jeder kann es mit genügend Fleiss bis ganz nach oben schaffen. Wer in ausbeuterischen, prekären Jobs darbt, ist ganz einfach selber schuld.

Im Zuge der neoliberalen Revolution nehmen prekäre Arbeitsformen wie Temporärarbeit, befristete Arbeitsverträge, ungewollte Teilzeitarbeit oder auch «Zero Hour»-Verträge zu – Arbeit wie bei Uber, bei der überhaupt kein Einkommen garantiert ist. Allen Formen prekärer Arbeit ist gemein, dass die Menschen pro geleisteter Arbeitsstunde weniger als normal angestellte Arbeiter*innen verdienen. Die Folge: Es gibt mehr und mehr Working Poor, und zwar auch in der reichen Schweiz.

Die Folge prekärer Arbeit ist nicht nur materielle Deprivation, sondern ein Zustand anhaltender finanzieller Sorgen und existenzieller Ängste – begleitet von katastrophalen gesundheitlichen Folgen. Menschen, die prekärer Arbeit ausgesetzt sind, leiden stärker an Stress, erleiden öfter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, erkranken öfter an Depression und bleiben bei Krankheit öfter am Arbeiten anstatt sich zu erholen, weil sie den Verlust von Einkommen oder der Arbeitsstelle fürchten.

«Flexible» Arbeit ist nicht, wie versprochen, befreiende Selbstverwirklichung, sondern im Gegenteil ein Gefängnis aus Deprivation, Unsicherheit, Angst und Krankheit. Eine Negativspirale der materiellen und körperlichen Zermürbung.

Genf zeigt, dass es auch anders geht

Angesichts der Zunahme von «Flexarbeit» in all ihren Formen könnte man resignieren: Ist es überhaupt noch möglich, diesem Megatrend entgegenzuwirken? Ja, wie das Beispiel des Kantons Genf zeigt.

Genf begann 2019 einen Rechtsstreit gegen Uber, um die Praxis der Pseudo-Selbständigkeit der Fahrer*innen zu beenden. Im Juni 2022 gab das Bundesgericht in Lausanne dem Kanton Genf Recht. Uber muss seither im Kanton Genf alle Fahrer*innen als Angestellte im Stundenlohn behandeln. Die Regelung gilt allerdings vorerst nur im Kanton Genf; im Rest der Schweiz darf Uber vorläufig nach wie vor falsche Versprechen von Selbständigkeit und Freiheit machen.

Das Urteil gegen Uber ist insgesamt zwar nur ein Einzelfall, aber es ist auch ein Silberstreifen am Horizont, der zeigt: Der Trend hin zu mehr Ausbeutung über «flexible» Arbeit ist kein Naturgesetz, sondern eine menschengemachte politische und wirtschaftliche Realität. Und bekanntlich kann alles, was Menschen erschaffen haben, auch von Menschen verändert werden. Die Regulierung zugunsten von Arbeiter*innen, egal ob durch Gesetze, Gerichtsurteile oder direktdemokratische Interventionen, funktioniert wie ein Hebel, den wir als Gesellschaft betätigen können, um unwürdige Arbeit zu bekämpfen.

Damit das gesellschaftliche Pendel wieder in Richtung der Interessen der Arbeiter*innenschaft schwingt, ist aber auch ein breiter Sinnesund Wertewandel nötig. Wir müssen uns vom Märchen der meritokratischen Leistungsgesellschaft verabschieden und damit verbunden von der Vorstellung, dass materielle Nöte und prekäre Arbeit einfach die Folge individueller Verfehlungen sind. Das Problem ist nicht, dass Menschen ihre Eigenverantwortung zu wenig wahrnehmen oder zu faul sind und darum in prekären Arbeitsverhältnissen landen. Das Problem ist, dass es in den letzten Jahrzehnten einen sozio-ökonomischen Strukturwandel zugunsten (grosser) Unternehmen und zulasten von Arbeitenden gegeben hat, der immer mehr Menschen in existenzielle Nöte treibt. Dieser Strukturwandel ist zu korrigieren. Damit das gelingt, müssen wir uns von hyper-individualisierten meritokratischen Versprechen lösen – arbeite genug hart und du schaffst es! – und wieder stärker zu gemeinschaftlichen Werten wie Solidarität und Kooperation finden.

Wir müssen uns darauf zurückbesinnen, dass Phrasen wie «flexible» Arbeit schön klingen mögen, am Ende aber etwas anderes zählt: würdige Arbeit. Arbeit, die eine Teilhabe am gesellschaftlichen Geschehen, die ein lebenswertes Leben ermöglicht. Das ist wahre Freiheit, die uns Flexarbeit nur vorgaukelt.