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Foto: Lucian Hunziker

Strassenverkaufende
«Schule ist mein grösster Traum»

Als kleines Mädchen wollte sie Polizistin oder Ärztin werden. Doch dann kam der Krieg in Somalia und die Flucht nach Europa - bei der sie fast sterben musste. Heute verkauft Habiba Osman, 34, Surprise in Dornach.

«Als ich ein kleines Mädchen war, wollte ich Polizistin oder Ärztin werden. Doch ich hatte keine Chance dazu. Ich wuchs zusammen mit sieben Geschwistern in einem kleinen Dorf in Somalia auf. In meinem Heimatland muss man für die Schule bezahlen, und für mich reichte das Geld nicht. Also blieb ich daheim und half meinen Eltern auf ihrem kleinen Bauernhof. Mit 14 fuhr ich in die Hauptstadt Mogadischu, um als Haushaltshilfe bei meinem Bruder zu arbeiten. Er und seine Frau haben elf Kinder. Es war eine gefährliche Zeit, in Somalia herrschte Krieg. Einmal erlebte ich den Einschlag einer Granate mit. Neben mir lag ein Mann mit einem offenen Bauch, auf der anderen Seite ein Junge mit blutendem Kopf. Ich nahm mein Kopftuch, das ich in der Öffentlichkeit sonst nie ablege, teilte es in zwei Hälften und verband die beiden Verletzten. Der Mann starb im Spital, der Junge überlebte.

Als ich 19 war, kam meine beste Freundin zu mir und sagte: Komm, wir fliehen nach Europa. Ich wusste nicht, wo Europa war, aber ich wusste, dass ich in Somalia keine Zukunft hatte. Mein Bruder gab mir Geld, befahl mir aber, vor der Abreise meinen Freund zu heiraten. Das taten wir, und mein Mann kam mit. Zu dritt flohen wir nach Äthiopien, dann weiter in den Sudan und anschliessend durch die Sahara nach Libyen. Auf dem Weg wurde ich schwanger. Als wir in Tripolis auf das Schiff Richtung Italien warteten, tauchte die libysche Polizei auf und nahm meinen Mann fest. Ich konnte mich verstecken. Drei Monate hörte ich nichts von ihm, dann schrieb er mir aus dem Gefängnis. Ich solle ohne ihn los, meinte er. Unser Kind solle in Europa auf die Welt kommen. Also machte ich mich zusammen mit meiner Freundin auf den Weg. Während der Überfahrt glaubten wir, wir würden sterben. Das Boot hatte plötzlich ein Leck, Wasser strömte herein und stieg immer höher. Wir schrien, wir weinten, andere waren ganz stumm. Als ich glaubte, alles sei verloren, kam ein Rettungsschiff. Ich war noch nie so glücklich in meinem Leben.

In Italien lebte ich drei Monate in einem Flüchtlingsheim und reiste anschliessend in die Schweiz. Mein Sohn Mustafa kam im Februar 2004 in Aarau auf die Welt. Sein Vater sass immer noch in Libyen im Gefängnis und wurde erst zwei Jahre später freigelassen. Er landete aber nicht in Italien, sondern auf Malta. Von dort aus rief er mich an und sagte, er habe eine andere Frau kennengelernt und wolle nach Amerika zu seinem Bruder. Er hat Mustafa bis heute nicht gesehen.

Im selben Jahr sprach mich ein Mann aus Somalia im Bahnhof Basel an. Ich hatte ihn 2004 in Aarau zum ersten Mal gesehen, und er erkannte mich wieder. ‹Du bist doch Habiba!›, sagte er. Wir erzählten uns unsere Lebensgeschichten. Ein halbes Jahr später heirateten wir. Mittlerweile haben wir vier Kinder zusammen, mit Mustafa sind es fünf, ein Mädchen und vier Buben. Manchmal geht es ziemlich wild zu und her. Ich mag das. Mein Mann arbeitet als Koch in einem Altersheim. Und für mich erfüllte sich letztes Jahr mein grösster Traum. Ich ging zum ersten Mal in meinem Leben zur Schule, mit 33 Jahren! Ich hatte Tränen in den Augen, als ich im Klassenzimmer sass.

Diesen Sommer habe ich an der Berufsschule Basel eine dreijährige Hauswirtschaftsausbildung begonnen. Eine Stiftung unterstützt mich, und zudem verkaufe ich Surprise vor dem Coop in Dornach, um die Kosten decken zu können. Seit alle Kinder in der Schule und im Kindergarten sind, habe ich am Morgen jeweils einige Stunden Zeit. Auf Sozialhilfe sind wir nicht angewiesen. Immer mittwochs, wenn ich in der Schule bin, ist mein Mann zuhause. Manchmal sagt er: ‹Du bist nur ein Mensch, nicht drei. Musst du so viel machen?› Ich finde: Ja, unbedingt. Endlich habe ich eine Zukunft. Ich bin unglaublich dankbar dafür.»

Erschienen in Surprise 435/18

AUFGEZEICHNET VON GEORG GINDELY