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Anteil Frauen und Männer, die bei Geburt des Kindes unter 30 Jahren alt waren, nach Jahrgängen. Infografik: Bodara, Quelle: Bundesamt für Statistik (2017): Familien in der Schweiz. Statistischer Bericht 2017. Bern.

Die Sozialzahl
Späte Elternschaft

Das Elternglück stellt sich immer später ein. Bei den Geburts­jahrgängen 1934 bis 1943 waren rund zwei Drittel der Frauen und die Hälfte der Männer bei der Geburt des ersten Kindes unter 30 Jahren alt. Eine Generation später zeigt sich ein ganz anderes Bild. Nur noch 30 Prozent der Frauen und 19 Prozent der Männer der Geburtsjahrgänge 1974 1983 waren unter 30 Jahre alt, als sie Eltern wurden. Das Bild akzentuiert sich noch, wenn das Bildungsniveau der Eltern berücksichtigt wird. Über den ganzen Beobachtungszeitraum liegt der Anteil der frühen Eltern bei den Frauen und Männer mit einem Tertiärabschluss (höherer Berufsbildungsab­schluss, Studium an einer Universität oder Hochschule) unter jenem der Frauen und Männern mit einem tieferen Bildungsniveau. Je kürzer die berufliche Ausbildung dauert, je früher kommt es zu einer Familiengründung. Bei den Geburtsjahr­gängen 1974–1983 sind nur noch rund 14 Prozent der Frauen und 10 Prozent der Männer unter 30 Jahre alt, wenn ihr erstes Kind zu Welt kommt.

Die Bildungsexpansion der Frauen hat über die Jahre deutliche Spuren bei der Elternschaft hinterlassen. Der längeren Aus­ bildungszeit schliesst sich eine Phase der Erwerbsarbeit an, bevor an die Gründung einer eigenen Familie gedacht wird. Dies gilt insbesondere für Frauen mit einem Tertiärab­schluss. Der Entscheid für ein Kind hängt dann sehr stark von der Aufteilung der Kinderbetreuung zwischen den Eltern sowie der vorhandenen Kinderbetreuungsmöglichkeiten ab. Ist beides nicht gegeben, bleiben gut ausgebildete Frauen immer öfter auch kinderlos. In der Alterskohorte der 50 bis 59­jährigen Frauen mit einem hohen Ausbildungsniveau haben schon heute 30 Prozent keine Kinder zur Welt gebracht.

Die späte Elternschaft wirkt sich auch auf die Gesamtzahl der Kinder aus. Befragungen zeigen, dass die meisten jungen Frauen und Männern gerne zwei Kinder haben würden. Tatsächlich liegt die durchschnittliche Geburtenrate in der Schweiz aber bei rund 1,5 Kindern pro Frau. Das Leben führt dazu, das gehegte Kinderwünsche nach unten korrigiert werden. Man ist schon froh, wenn man den familiären und beruflichen Alltag mit einem oder zwei Kindern zu be­wältigen vermag. Es wird sich zeigen, ob der Ausbau bei den familienergänzenden Angeboten (Kitas, Mittagstische, Tagesschulen) dazu beitragen wird, dass sich die Lücke zwi­schen gehegtem Kinderwunsch und realisierter Kinder­zahl allmählich schliesst.

Eine späte Elternschaft hat Langzeitwirkung. Machen wir die Rechnung auf. Wenn eine Frau mit 32 ihr erstes Kind be­ kommt, so ist diese Tochter oder dieser Sohn erst 50 Jahre alt, wenn die Mutter bereits 82 Jahre gelebt hat und allmählich
auf Hilfe und Betreuung angewiesen ist. Wurde das Kind selber erst mit 32 Mutter oder Vater, so sind zu diesem Zeitpunkt die Enkelkinder gerade mal 18 Jahre alt, wenn deren Gross­ mutter das vierte Lebensalter erreicht. Die Mehrfachbelastung für diese Töchter und Söhne aus der späten Elternschaft

wird damit besonders deutlich sichtbar. Sie haben sich um ihre Kinder in der Ausbildung zu kümmern und für ihre eigenen betagten Eltern zu sorgen. Da stellen sich nur materielle Fragen, sondern auch Fragen der emotionalen Bewältigung dieser Familienkonstellation. Eine weitreichende Entlastung der spä­ten Elternschaft ist dringend und notwendig. Es geht nicht mehr nur um den Mutterschaftsurlaub, sondern auch um den Betreuungs­ und Pflegeurlaub, es geht nicht mehr nur um die Vereinbarkeit von Kinderbetreuung und Beruf, sondern auch um die Vereinbarkeit von Betreuung und Pflege von älteren Familienangehörigen und Erwerbsarbeit, und dies für Frau und Mann!

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 412 des Surprise Strassenmagazins.

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