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... stimmt mit

Ich wurde zur diesjährigen Migranten- und Migrantinnensession des Vereins mitstimme.ch eingeladen, und so durfte ich mich für einen Tag im Rathaus Basel richtig wichtig fühlen. Ich dachte die ganze Zeit an das perfekte Selfie für meinen Papa, um ihm zu zeigen, dass ich an manchen Tagen einen anständigen Job habe: ich, anständig angezogen, hinterm Rednerpult im Grossratssaal vor den Wandmalereien, die nacherzählen, wie Basel 1501 der Eidgenossenschaft beigetreten ist.

Die wenigen Frauen auf dem Gemälde sind jeweils mit Kindern versehen, die sie tragen oder verhätscheln, eine Frau wird von einem, wie ich deute, sehr gut gekleideten Mann auf einem Pferd umgarnt. Natürlich gibt es auf dem Bild keine schwarzen Frauen, die vor einem Rednerpult stehen. Das ist aus verschiedenen Gründen völlig klar. Und während ich mich immer noch geschmeichelt fühle, in diesem Saal aufzutreten, spüre ich plötzlich, wie aussergewöhnlich diese Veranstaltung ist: So viel Diversität ist in diesem Raum wohl selten vertreten. Ein Tag, an dem engagierte Migrant*innen, die vielleicht seit Ewigkeiten in der Schweiz wohnen (zum Beispiel seit mehreren Generationen), aber keinen Schweizer Pass haben, einmal mitbestimmen können. Vorschläge, die in Arbeitsgruppen formuliert wurden, werden vorgestellt, diskutiert, dann wird eine*r der anwesenden Politiker*innen darum gebeten, die Vorschläge weiterzutragen und sich dafür einzusetzen. So verschaffen sich die Teilnehmenden über Umwege eine Stimme. Absurd für dieses Land, das sich so sehr seiner direkten Demokratie brüstet, dass so viele Menschen immer noch nicht stimmen dürfen.

Aber dann sollte man sich auch fragen, warum man nicht mitmachen darf. Also ich meine: Ich war ziemlich beliebt in der Schule und ich wusste immer, warum bestimmte Leute nicht mitmachen durften. Sind Migrantinnen etwa dick? Haben sie schon zu früh oder zu spät oder zu kleine oder zu grosse Brüste? Sind Migranten vielleicht noch im Stimmbruch und die Stimme klingt komisch? Stinkt ihr Pausenbrot? Warum dürfen Migrant*innen nicht mitmachen?

Irgendwohin migrieren und einfach nie mitbestimmen dürfen, ist wie aus der Erde gerissen werden und dann im Kühlschrank im Gemüsefach gehalten werden, ist wie geschält werden, dann einfach verkocht werden – ich fühl mich so sehr wie eine Karotte in diesem Land! Ein Gastarbeiterkind zu sein, also ein Kind von Eltern, die für dieses Land gearbeitet haben, und nicht die gleichen Rechte zu haben wie Kinder von anderen Eltern, die ebenfalls für dieses Land gearbeitet haben, ist wie ein Senfglas zu sein, das ausgespült wurde, in das irgendjemand Marmelade hineingetan hat, die niemandem schmeckt: Da steht man nun ganz hinten im Kühlschrank seit Jahren – ohne jemals seinen Senf beigetragen zu haben. Obwohl man doch ein Senfglas ist!

Nicht mitmachen zu dürfen ist wie in die Hand zu husten – einfach nicht mehr zeitgemäss. Den Gesetzen eines Landes folgen zu müssen, ohne darüber mitentscheiden zu dürfen, aber Steuern zu zahlen ist ein bisschen wie Pizza Hawaii! Meega absurd!

Ich will jedenfalls keine Karotte sein! Wir.

Wir wollen keine Pizza Hawaii sein. Wir wollen kein Senfglas sein.

Wir wollen mitentscheiden!