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Illustration: Julia Demierre

Verkäufer*innenkolumne
Stoppt das Sterben

KARIN PACOZZI, 55, verkauft Surprise immer freitags in Zug. Dieser Kolumne liegt ein Jahr Studium zugrunde, wie man ein Aquarium fachgerecht einrichtet, und zwei Jahre praktische Erfahrung.

Vielleicht heisst es schon bald einmal, es gab einst eine Gattung, die wurde Mensch genannt. Einer von ihnen, mein verstorbener Mann, hatte vor dreissig Jahren die Idee, sich ein Meerwasseraquarium einzurichten. Er dachte, es würde vielleicht bald keine natürlichen Korallenriffe mehr geben.

Nur, es ist eine Kunst für sich, ein solches Aquarium einzurichten. Erstens muss man das richtige Material haben: ein grosses Glasaquarium, das mindestens so und so viele Liter fasst. Dann zwei gute Filteranlagen und vier Tageslichtröhren und, last but not least, Meersalz. So kann man beginnen, Salzwasser anzurühren, die Filteranlage in Betrieb zu nehmen und die Lichtröhren mit einem Zeitschalter anzuschliessen. Leider kommen dann immer noch keine Fische ins Wasser, es folgt das Wichtigste: Man holt sich im Fachgeschäft einen lebenden Stein. Den braucht man, um einen kleinen Riffhaushalt künstlich herzustellen, dadurch entsteht der benötigte Stickstoffkreislauf im Aquarium. Eine Beckenbiologie, die in jedem Korallenriff herrschen muss. Einen ganzen Monat lang dauert dieser Prozess. Wie langweilig, dachte ich anfangs. Doch weit gefehlt. Nach zehn Tagen öffnete sich ein erster Röhrenwurm. Am Schluss waren es ganze drei. Was für ein Wunder an Farben, filigraner Faszination und Lebensfreude. Erst jetzt konnte man Anemonen und/oder Korallen einsetzen, danach erst die Fische. Wir hatten einen Mandarin-Fisch und zwei Clown-Fische, heute als Nemo bekannt. Sie gingen leider nie in unsere Grosse Anemone, denn es fehlten die sonst vorhandenen natürlichen Fressfeinde, vor denen sie sich verstecken mussten.

Nach zwei Jahren, als wir unser Aquarium auflösten, haben wir die Fische zurückgebracht, zum Ärger des Fachgeschäfts. Dort hatte man noch nie erlebt, dass die Fische länger als sechs Monate lebten. Das Problem bei Salzwasserfischen ist die Art und Weise, wie sie gefangen und transportiert werden. Die Bedingungen sind katastrophal. Nach den Sommerferien hatte ich immer Angst, dass unser kleines Riff im Parterre unseres Hauses gelandet sei, denn das Gewicht war beträchtlich. Eigentlich hätte man die Hausverwaltung um Erlaubnis fragen und eine gute Versicherung abschliessen müssen. Wir haben das Aquarium dann aufgegeben, weil wir für ganze drei Jahre nach Italien gingen.

Um die Korallenriffe in der Natur zu retten, mein Aufruf: Stoppt das Sterben, bevor der Mensch alles, inklusive sich selber, ausgerottet hat.


  Die Texte für diese Kolumne werden in Workshops unter der Leitung von Surprise und Stephan Pörtner erarbeitet. Die Illustration zur Kolumne entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Design und Kunst, Studienrichtung Illustration.