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Die Schweiz schreibt
Über Literatur debattieren

Seit 2013 rüttelt das Online-Magazin delirium am Sockel der Literaturkritik und regt dazu an, mit eigenen Beiträgen den Geniekult zu brechen.

Der Kauf eines Buches beginnt oft mit der Lektüre einer Literaturkritik. Aber das sollte nicht die einzige Aufgabe einer Rezension sein: Davon sind die Macherinnen und Macher des halbjährlich erscheinenden Online-Magazins delirium überzeugt. Ihr Ziel es ist, die Inhalte von Literaturkritik zu revidieren. «Im deutschsprachigen Raum lesen sich Kritiken heute eher wie Kaufempfehlungen. Dabei wäre es ihre Aufgabe, den Fokus auf den Schreibprozess zu richten und damit engagierte öffentliche Debatten darüber anzustossen, was gute oder was schlechte Literatur kennzeichnet», sagt Cédric Weidmann, Redaktor beim Magazin delirium, das innerhalb der Literaturszene einen Geniekult ortet, den es zu brechen gelte.

Wie der Name es vermuten lässt, ist die Strategie, mit der delirium am Sockel etablierter Ansichten rüttelt, von einer die Sinne überwältigenden Beschaffenheit: Geht man auf die Startseite der Website, füllt sich der Bildschirm mit unzähligen kleinen Fenstern mit den Titeln erschienener Beiträge. Diese stammen aber nicht von der Redaktion, sondern von den Lesenden des Magazins. Die Hauptbedingung dabei: Jeder literarische Text muss sich auf einen bereits publizierten Beitrag beziehen. Der Bezug kann tiefgreifend und offensichtlich sein oder beinahe an den Haaren herbeigezogen. Diese pausenlose Aneinanderreihung von Bezügen treibt wie ein üppiger Wildrosenstrauch laufend neue Blüten, was von der delirium-Redaktion genau so beabsichtigt ist. «Jeder Text ist eines von vielen Bindegliedern einer Kette, wovon jedes den gleichen Stellenwert hat. Indem man bereits existierende Ideen weiterentwickelt, beteiligt man sich an einem kollektiven Schreibprozess und unterstützt damit eine Kultur der Kritik, in der es nicht mehr nur einigen Auserwählten vorbehalten bleibt, öffentlich eine Meinung über Literatur zu äussern», sagt Weidmann. «Alle, die Lust auf literarische Gedankenspiele und anregende Auseinandersetzungen haben, sind willkommen, delirium um neue Bezüge zu erweitern.»