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SERIE: DIE UNSICHTBAREN
Überall und nirgendwo

Der Gig-Worker Basil macht für digitale Vermittlungsplattformen Temporäreinsätze – und weiss nicht recht, ob das eine gute Wahl ist oder ein Fehler.

Er baut Festzelte aufund die Bühne von Elton John ab. Wäscht in der Gastroküche Backform um Backform ab. Fährt mit dem Gabelstapler Paletten voller Kartonkisten vom Zug in den Lastwagen. Platziert im Grossmarkt Blumentöpfe um.

Das alles ist Basil*, der Gig-Worker.

Seit acht Jahren macht er mal mehr, mal weniger Temporäreinsätze für zwei digitale Vermittlungsplattformen. Es ist eine Arbeit, in denen manche die grosse Flexibilität und Freiheit für Arbeitnehmende sehen und andere ebenso grosse Abhängigkeiten und Unsicherheiten fürchten.

Seit acht Jahren macht er mal mehr, mal weniger Temporäreinsätze für zwei digitale Vermittlungsplattformen. Es ist eine Arbeit, in denen manche die grosse Flexibilität und Freiheit für Arbeitnehmende sehen und andere ebenso grosse Abhängigkeiten und Unsicherheiten fürchten.

Basil hat eine Lehre zum Metallbauer gemacht, später eine zweite zum Automatikmonteur. Die Arbeit gefiel ihm nicht schlecht, der Job nach der Lehre sah vielversprechend aus. Doch dann verlor er, der schon immer seine Mühe hatte auf dem Arbeitsmarkt, die Stelle. Psychisch ging es ihm nicht gut, er machte eine Therapie. Er wollte wieder arbeiten, irgendwo, wo der Stress und die Anforderungen kleiner sind.

Heute ist die magentarote App mit dem weissen «C» sein Arbeitgeber: die Vermittlungsplattform Coople. Nicht die Betriebe, sondern Coople zahlt Basil seinen Lohn, inklusive Beiträge für AHV, Pensionskasse, Krankentaggeldund Arbeitslosenversicherung. «Steigern Sie Ihren Gewinn», umgarnt Coople die Unternehmen auf der Webseite, «indem Sie die Grösse Ihres Teams schwankenden Nachfragekurven anpassen.»

Die Gig-Economy (gig: englisch für Auftritt) wirft neue arbeitsrechtliche Fragen auf. Denn nicht alle digitalen Arbeitsvermittlungsplattformen sind wie Coople Arbeitgeber der Gig-Worker und zahlen Sozialabgaben oder die Unfallversicherungsprämie. Manche vermitteln nur die Arbeit, die Arbeitnehmenden müssen sich den Bedingungen jedes Mal neu anpassen. Das Feld wandelt sich schnell, neue Plattformen kommen hinzu, andere wechseln ihre Namen oder fusionieren, wieder andere ändern ihre AGBs. Das sagt Marisol Keller, die Geografin forscht an der Uni Zürich zu Plattformarbeit. «Die Plattformen sind so angelegt, dass die Arbeitnehmenden nicht immer nachvollziehen können, was warum wie läuft.»

In zehn Minuten ein Job

Wie verbreitet Plattformarbeit in der Schweiz ist, dazu gibt es wenig Zahlen. 2019 leisteten gemäss dem Bundesamt für Statistik 0,4 Prozent der Bevölkerung internetbasierte Plattformarbeit, die meisten verdienten jährlich weniger als 1000 Franken. GigWork wird also häufig zusätzlich zu anderen Jobs ausgeübt.

Die App auf Basils Telefon macht ihn auf jede Neuigkeit aufmerksam. Eine Meldung, wenn er angestellt wurde. Eine Erinnerung, wenn sein nächster Einsatz ansteht. Die Nachricht, wenn ein Betrieb ihn als «Favorit» markiert hat. Dann, sagt Basil, habe er den Job manchmal nach zehn Minuten. Er scrollt durch die abgeschlossenen Einsätze, kann nachlesen, wann er seit 2014 wo gearbeitet hat, für wie viele Stunden, wie viel er verdiente. «Da war es chillig», sagt er zu einem Einsatz, wo er Koffer und Rucksäcke aus einem Car laden musste. «Hier stressig», das Putzen einer Ferienwohnung, wo zwischen Abreise der einen Mieterinnen und Anreise der nächsten Mieter nur wenige Stunden lagen. «Hier anstrengend», das Stapeln von pflotschnassen Holzplatten, die mal das «Ice Magic» waren.

Mit erst wenigen Bewertungen sei es am Anfang schwerer gewesen, einen Job zu bekommen, sagt Basil. Warum er einen Job nicht bekommt, erfährt er nicht. Mit jeder Vier-Sterne-Bewertung aber sei es einfacher geworden. Er ist pünktlich und zuverlässig. Und er hat einen Schweizer Namen. Das helfe wohl, sagt Basil. «Wenn du einmal drin bist, hast du deine Betriebe und kommst schnell zu Einsätzen.»

Ganz am Anfang – «damals habe ich jeden Scheissjob gemacht» – fuhr Basil von Thun, wo er wohnt, für einen Einsatz von drei Stunden nach Bern. Die Chefs sagten: Sollten sie früher fertig werden, würden trotzdem die drei Stun-den bezahlt. Nach zwei Stunden hatten Basil und die anderen die Bühne abgebaut. Er bekam nur zwei Sterne. Als er anrief und nachfragte, hiess es: Es sei nicht sehr motiviert gearbeitet worden, alle hätten nur zwei Sterne erhalten. Eine andere Gig-Workerin, die anonym bleiben will, sagt: «Wenn du für zwölf Stunden angestellt wirst und nach sechs nach Hause geschickt wirst, weil der Betrieb sich verschätzt hat, wehrst du dich nicht. Du bist am kürzeren Hebel, du willst eine gute Bewertung bekommen.»

Basil geht die offenen Einsätze in der App durch, ihm fällt ein Job in Ittigen, nahe Bern, auf. 3.45 Stunden, 25 Franken in der Stunde. «Das würde ich nur annehmen, wenn ich nichts anderes fände», sagt Basil. Zu wenige Stunden für zu viel unbezahlten Weg. Ein Job auf dem Gurten, von 16.30 bis 2 Uhr nachts. So spät kommt er mit dem Zug nicht mehr von Bern nach Thun. Kommt also nicht infrage.

Heute macht er kaum mehr Einsätze für weniger als 24 Franken in der Stunde. Höchstens, wenn der Einsatz in Thun ist. Basil sucht in der Liste seiner Einsätze den letzten in der Stockhorn-Arena, wo er an Spielen des FC Thun Bratwürste auf dem Grill dreht und Hotdogs verkauft: dreieinhalb Stunden à 23.36 Franken, minus 78 Rappen Essensspesen pro Stunde. Macht in der Stunde 22.58 Franken. «Und das Umziehen», sagt Basil, «gehört nicht zur Arbeitszeit.» Damit er drei Monate lang Samstag für Samstag um 4.45 Uhr in Burgdorf mit dem Ausladen der Güterzüge beginnen kann, nimmt er in Thun um 2.55 Uhr den Nachtbus, steigt 45 Minuten später in Bern um und fährt nochmals 30 Minuten. Warum tut er sich das an? Weil er, der im Militär in der Logistiktruppe war, sich für Logistik interessiert. Vielleicht auch darum: Dieser Einsatz ist verglichen mit dem stressigen Hotdog-Verkauf im Stadion oder dem körperlich anstrengenden Zeltaufbau weniger mühsam. Viele, die festangestellt sind, würden ihr Leben der Arbeit unterordnen, findet Basil. Sie hätten ein Auto, um auf dem Arbeitsweg Zeit zu sparen. Sie rauchten, um Mikropausen zu haben. Abends ässen sie Brot und Käse, weil zum Kochen die Energie fehle.

«Mittlerweile», sagt Basil, «kann ich mit so vielen verschiedenen Menschen arbeiten. Es gibt solche, die immer unmotiviert sind, andere, die alles besser wissen. Die, die in ihrem Job aufgehen, die, die über die anderen Mitarbeiter*innen jammern.» Viele, die temporär arbeiten, so sein Eindruck, seien im Arbeitsmarkt durchgefallen – wegen mangelnder Zuverlässigkeit, gesundheitlichen oder familiären Schwierigkeiten. Auch ein Bericht, der 2017 im Auftrag des Seco verfasst wurde, hält fest: Ein grosser Teil derjenigen, die ihr Haupteinkommen über die Plattformen verdienen, war vorher arbeitslos. Eine mögliche Erklärung dafür sind die relativ tiefen Einstiegshürden.

Strikes als Strafe

Als Basil einen Einsatz einmal nicht machen kann, weil er krank ist, bekommt er als Verwarnung zwei Strikes. Nach drei Strikes wird das Profil gesperrt. Basil organisiert ein Arztzeugnis, die Strikes werden gelöscht. Sonst müsste er pro Strike acht Schichten arbeiten, ohne zu spät zu kommen, bis der Strike entferntwird. Und bei einem mehrtätigen Einsatz hatte er einmal «verdammt Schwein», sagt Basil. Beim ersten und zweiten Einsatz arbeitete er gut, alle waren zufrieden. Ein paar Tage später rief ihn die Chefin des Betriebs an. Warum er beim dritten und vierten Einsatz nicht aufgetaucht sei? Die Schichten des Einsatzes waren auf drei Wochen verteilt, die App erinnerte ihn nicht an jede einzeln. Er entschuldigte sich, und dann nochmals. Und nochmals. «Das ist mir bis heute nicht recht.» Die Chefin hatte Verständnis, sie schrieb als Grund nicht rein, dass er nicht erschienen war, sondern «ein anderer Grund». Sonst hätte Basil drei Strikes bekommen und sein Profil wäre gesperrt worden.

«Wenn du sagst, du arbeitest tageweise temporär, klingst du nach Tagelöhner, nach unterster Schicht», sagt Basil. Der Unterschied zwischen Gig-Workern und Tagelöhner*innen ist bestenfalls ein historischer: Im 18. und 19. Jahrhundert fanden sie in den Büros der spezialisierten Arbeitsagenturen Arbeit, heute tun sie das auf den Plattformen. Er werde oft gefragt, ob er nicht etwas Fixes machen wolle oder wie seine Altersvorsorge aussehe. «Hier drückt bei den Menschen der Bünzli durch», sagt Basil, der im Arbeitsmarkt schnell unter Druck steht und soziale Absicherung abtut als etwas für die Überorganisierten und Überängstlichen.

Mit dem Velo fährt Basil nun durch Deutschland. Vielleicht will er danach mal wieder als Automatikmonteur oder Metallbauer arbeiten. Montag bis Freitag, 7 bis 17 Uhr, acht, neun Stunden konzentriertes Arbeiten und Mithalten mit den Kolleg*innen. Auch dafür gibt es Temporärbüros; da würde Basil in der Stunde 36 Franken verdienen.


* Name geändert