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Moumounni...
... und der Mann im Park

Dies ist eigentlich eine Spätsommergeschichte. Doch sie hat mich bis in den Winter verfolgt, und deshalb erzähle ich sie jetzt hier.

Ich sass auf der Wiese der Bäckeranlage, einem der wenigen Parks im Zürcher Kreis 4, weil ich mir wie alle anderen mit offener Jacke Herumlungernden einbildete, die «letzten Sonnenstrahlen noch nutzen» zu müssen. Ich hatte aber auch Arbeit dabei und mich deshalb mit ablenkungsvorbeugenden Kopfhörern im Ohr und Computer auf die Wiese gepflanzt.

Plötzlich kam ein Typ von hinten angeschlichen. Als er ganz nah war und ich ihn bemerkte, fragte ich mich kurz, ob es wohl jemand ist, den ich kenne und der mich nur zum Spass erschrecken wollte. Ich kannte ihn nicht und erschreckte mich ein wenig. In Nullkommanix lag er – ein bisschen zu nah – seitlich neben mir. «Hallo!», sagte er herausfordernd. Leicht wirrer Blick, zittriges Lächeln. «Was machst du?» Ich, immer noch mit Kopfhörern in den Ohren, zeigte auf den Laptop und sagte, dass ich arbeite. «Das ist Bullshit», sagte er mit verwegenem Blick. «Ja, vielleicht», antwortete ich. Und er startete erneut: «Du hast sehr schöne Augen.» Ich verdrehte ebendiese. Auf seinem Kopf klebte ein Pflaster, das eine blutende Wunde nicht ganz abdeckte. Er sah mich wieder herausfordernd, aber freundlich an, ich bedankte mich müde. Ich fragte mich, ob ich wohl Angst vor ihm haben müsste und wie ich ihn loswürde. Wer weiss, wie er mit einer Abfuhr umgehen würde oder wie fest er auf einem Flirt bestehen würde, wenn ich auf freundliche Weise versuchte, ihn abzuwimmeln. Ich habe schon lang aufgehört, Avancen abzuweisen, indem ich auf meinen Freund verweise, und so ist die freundliche Art oft anstrengender und langwieriger. Der Typ war nicht sonderlich gross, und ich stellte mir kurz vor, dass ich bei einem allfälligen Gerangel nicht unbedingt unterlegen wäre – ich hatte erst kürzlich wieder mit Kampfsport begonnen und trug in meinem Kopf immer mal fiktionale Kämpfe aus, die ich mit meinem neu erlangten Kämpferinnenherz natürlich alle gewann. Und trotzdem fühlte ich mich jetzt nicht ganz wohl, weil der Mann mir zu nah war und offenbar unter Drogen stand. Und die Wunde sah aus, als wäre mein Gegenüber an diesem Tag schon einmal recht risikofreudig gewesen.

In all diese Risikoberechnungen hinein sagte er plötzlich: «Ok, wenn du nicht willst ...», stand auf und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen. Ich wünschte ihm einen schönen Tag und war verwirrt. Es passiert wirklich selten, dass Männer, die mich ansprechen, um mir zu erzählen, wie schön meine Augen seien, so schnell wieder von mir ablassen. Kurz fragte ich mich, ob ich seine Kontaktaufnahme falsch eingeschätzt hatte und ob meine Vorurteile mit mir durchgegangen waren. Schon möglich, aber sein seltsames Anschleichen hatte ich mir ja nicht eingebildet.

Im Nachhinein schockierte mich vor allem, dass ich es nicht gewöhnt bin, dass meine Signale des Desinteresses respektiert werden. Und mehr noch, dass die Risikoberechnung, die ich innerlich gemacht hatte, während ich überlegte, wie ich ihn abwimmeln sollte, inklusive der Einschätzung der konkreten physischen Bedrohung zu meinem Alltag als Frau gehören. Heute bin ich dem jungen Herrn auf absurde Art dankbar: Dafür, dass er anständig war. Wenn ich ihn mal wiedertreffe, lade ich ihn auf einen Kaffee ein. Selbstverständlich anständig.