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L., 53, geboren in Frankreich, seit fünfunddreissig Jahren süchtig, obdachlos.

Reportage
«Und schon zeigen sie wieder mit dem Finger auf uns»

Menschen ohne Bleibe, Abhängige, Sexarbeiterinnen – sie alle sind von Corona besonders betroffen. Doch die Angst um die Gesundheit ist ihr kleinstes Problem.

In Bern ist es jeden Tag Nacht. Besonders jetzt. Leer sind die Strassen, die Brunnen, die Hotels, leer die Hosentaschen. Ein Halleluja für einen Zwanziger, ein Zehner tut’s auch. Wir kommen von der Hodlerstrasse bei der Lorrainebrücke, wir stapfen durch die Neuengasse, wir huschen über den Waisenhausplatz die Zeughausgasse hinunter, bei jedem zweiten Schritt ein Blick zurück und ein Knurren und Murren, viel redet er nicht, der Thomas*, ein schwarzer, schmaler Strich in der Berner Altstadt.

Es ist neun am Abend und Thomas «Thömu» L., Jahrgang 1982, aufgewachsen in Thun, der Vater ein Trinker, die Mutter geduldig, ist seit zwanzig Jahren süchtig, ziemlich sehr sogar, er hat keinen Job, keine Wohnung, keinen Stutz, zwei drei Freunde vielleicht.

In der Predigergasse gibt es Spritzen aus dem Automaten, eine für einen Franken, zwei für zwei, Thömu braucht ein Doppelpack mit dünnen Nadeln, so muss er nicht ewig rumstochern auf der Suche nach einer Vene. Wird er trotzdem, eine Stunde später unter der Kornhausbrücke: erst die linke Hand, dann beide Arme, der Hals, die dünnen Beine, wenn jetzt bloss kein Blut in die Pumpe rinnt, und dann wieder alles von vorne, Thömu, sage ich, lass gut sein für heute.

Wir hocken an einer Mauer, hier pissen die Leute nach dem Ausgang hin, und Thömu ist schon wieder am Besteck richten und den Sugar sortieren und ich am Fotografieren. Irgendwann sagt er: «Der Körper kann nicht, er muss», und ich, eher fragend: «Hmm», und er: «Spricht mein Kopf: ‹Ich will Drogen›, so sagt mein Körper: ‹Dann muss ich halt durch›.» So ist das auch mit anderen Dingen im Leben, denke ich mir. Und dann schwärmen wir vom Glücksgefühl beim Anblick der Raben, in dieser einen Sekunde, bevor sie weg-fliegen. Und dass sie gewiss schon da waren, bevor es uns Menschen gab, und dass jetzt wieder so viele Raben in der Stadt sind, Polizisten und Raben, die krächzen.

Eine Viertelstunde später, die Tupfer voller Blut, hält Thömu die Spritze noch einmal gegen das Licht, «mach mich glücklich, nur ein bisschen, nur ein Tröpfchen», dann trifft er doch noch und sagt leise: «Klause, du wärst jetzt mause. Für mich ist das Nasenwasser.»

Für sie ist Corona überall

Mitte April ist es und Corona seit einem Monat. Weh denen, die jetzt noch auf der Gasse sind! 400 sind es angeblich allein in der Stadt Bern, wie viele in der gesamten Schweiz, das weiss niemand so genau. Menschen ohne feste Bleibe, Abhängige, Sexarbeiterinnen, sie alle sind betroffen – weniger vom Virus, sagen sie, als von den Massnahmen, die der Bund bis auf Weiteres verhängt hat. Manche können nicht daheimbleiben, auch wenn sie es möchten, denn sie haben kein Zuhause. Weil alles zu hat und niemand unterwegs ist, fehlt vielen der Puder, das Geld, die Freier.

Für sie ist Corona überall. La Prairie, geschichtsträchtiger Begegnungsort der Dreifaltigkeitspfarrei Bern mit einem Mittagstisch für Bedürftige: geschlossen wegen der Covid-19-Verordnung. Die Tafel «Tischlein deck dich»: eingestellt. Das Casa Marcello, stadtbekannte Beiz aller Junkies: chiuso. Die Bänke unterm Baldachin am Berner Bahnhof: weggeräumt oder eingezäunt. Die Drogenanlaufstelle an der Hodlerstrasse bei der Lorrainebrücke: eine Warteschlange, Stress pur. Und so fort. Vom Betteln nicht zu reden. «Hängst dich für ein paar Stunden rein», rechnet Thömu vor, «kommst du auf 100, 120 Franken am Tag. Jetzt, da alle zuhause hocken, sind es noch 40.»

Und mit dem schwindenden Angebot bricht den Leuten die Tagesstruktur weg, der soziale Kontakt wird rar und beschränkt sich aufs Mischen und Mauscheln auf der Gasse. «Die Stunden werden noch länger, ich hocke rum oder fahre Tram, schaue raus, lese im Gratisblatt.»

Manchmal geht Thömu in die Notschlafstelle Sleeper an der Neubrückstrasse 19, dort gibt es einen währschaften Znacht für fünf Franken und für einen zweiten Fünfliber kriegt er eine Matratze in einem Mehrbettzimmer. Doch nun wird es auch im Sleeper knapp. Wegen der Abstandregeln musste der Platz für insgesamt zwanzig Leute halbiert werden. «Wer schon drinnen ist, darf auch die nächsten Nächte bleiben. Wir anderen sind draussen.» Draussen, das heisst: in einem Park zwischen Stuhl und Bank, vor einer Garage, auf einer Treppe, im Gebüsch, unter der Kornhausbrücke. Dort, am Pfeiler, wird sich Thömu auch diese Nacht in ein pinkes Fleece einwickeln, «isch emu gäng öppis», kichert er, der keine fünfzig Kilo mehr wiegt, besser als nichts also, und auf hundert besser als in der Stadt, wo ihn die Polizisten zweimal die Nacht aufwecken und fortschicken.

«Vorher waren wir unsichtbar. Jetzt, da die Strassen leerer sind, sieht man uns überall. Und schon zeigen sie mit den Fingern auf uns: Schau nur, die da.» Mit «sie» meint Thömu uns, die anderen, die aus der Mitte der Gesellschaft sozusagen. Und die jetzt, in Zeiten der Pandemie, plötzlich über Dinge sinnieren, die sie ansonsten für selbstverständlich halten: der Zapfen am Ende des Monats, das Training im Gym, ein feines Essen in der Beiz, Reisen, an Konzerte gehen. «Die Krise aushalten? Für mich heisst das: durchhalten, davor, jetzt, immer», sagt Thömu. Dass sich viele solidarisch zeigen, dass sie Hemden und Schuhe und Bananen an Gabenzäune binden mit bunten Kärtchen dazu, dass sie spenden an Organisationen, die Tag und Nacht für ihn und die vielen anderen da sind, das nimmt Thömu, der zwei Lappen fünfzig braucht pro Tag für Heroin, Kokain und ein paar Zigaretten, als aufrichtige, als ausserordentliche Geste. Und doch, fragt er mich: «Wenn für euch wieder alles normal ist, werdet ihr dann noch an uns denken: an all die Junkies, Bettler, Nutten?»

«Wir haben immer eine Wahl»

Irgendwie gleichgültig ist Thömus Stimme geworden und weit weg. Und vielleicht ist jetzt nicht die Zeit zum Philosophieren, er mit einem mittleren Flash im Kopf, ich mit einem Gala-Apfel in der Hand. Es geht um Klischees, Vorurteile, ums Verurteilen. «Auch wenn es stimmen mag, was man von uns denkt: dass wir jeden anpumpen, rumpöbeln, wir allen ungefragt unsere Story auftischen und schmutzig sind vom Scheitel bis zu den zerlöcherten Schuhen – wir sind mehr als das», sagt Thömu. «Das ist bei mir so, bei dir, bei einem Banker, so einfach ist das.»

Thömu, der Denker und Drücker. Wie recht er hat, kommt mir noch viele Male in den Sinn, als ich ihnen begegne: Beni, 48, der sich in diesen Zeiten vor allem nach einem sehnt: dass die Berner Young Boys, gelb-schwarz forever, endlich wieder spielen können und er im Stadion sitzt und jubelt – und der ohne Job ist und seit 25 Jahren süchtig; Luca, 35, der von grossen Wundern träumt, die anderntags wieder verflogen sind – und der seit zehn Jahren abhängig ist, obdachlos und jeden Tag am Schnorren; Noemi*, 31, die das erste Drittel des «Grafen von Monte Christo» hinter sich hat und sich mächtig darauf freut, wie Edmond Dantès sich rächen wird an allen Halunken – und ein Kind hat und seit sieben Jahren auf dem Strich ist; Stef*, 50, der es gerade jetzt mit seiner Frau so gut hat wie noch nie und sich ständig fragt, warum wohl – und der süchtig ist schon sein halbes Leben lang und angeblich den besten Stoff vertickt weit und breit; und Sändy*, die am liebsten orientalische Märchen hört und dazu eine Dose Quöllfrisch naturtrüb trinkt und so wunderbare Sätze sagt wie: «Über dem Kopf ist immer unter dem Himmel» oder auch «Wenn du im Seich bist, betest sowieso, egal an was du glaubst».

Im Seich war sie nämlich schon oft, Sandra «Sändy» N., 46, geboren in einer Pflegefamilie, Mutter von zwei Söhnen und abhängig seit über zwanzig Jahren. Kerle waren früh ein Problem, zuhause (worüber Sändy nicht reden mag) und dann mit dreissig, als sie zum ersten Mal auf den Strich ging. «Kaum stieg ich aus dem Auto eines Freiers, musste ich mich erbrechen, immer wieder.» Irgendwann habe sie sich daran gewöhnt, sie habe nur noch ans Geld gedacht und daran, dass es meistens schnell geht und von hinten. «So musste ich die Typen wenigstens nicht anschauen.» Beziehungsunfähig sei sie dadurch geworden, keine Frage. Doch die Würde habe sie sich bewahrt, sagt Sändy. Und schüttelt den Kopf, wenn sie von Mädchen hört, die es jetzt für 30 machen und ohne Kondom. «Es gibt immer solche, die noch tiefer fallen als du. Dann weisst du: Dort will ich niemals hin! Klingt brutal, ist aber so.»

Als Opfer will sich Sändy nicht sehen, auch das, sagt sie, gehöre zum Klischee von «Randständigen». «Wir haben immer eine Wahl, wir alle können dieses tun und jenes lassen. Ich sitze hier, rede mit dir, ich nehme meinen Stoff, ich weiss noch nicht, wo ich heute Nacht schlafen werde. Dabei könnte alles auch anders sein. Und doch hat alles seinen Sinn.» Aufhören mit den Drogen? Nein, es sei gerade gut, wie es ist.

Später kommt ein Mann vorbei, erzählt ein Kapitel aus seinem früheren Leben als erfolgreicher Geschäftsmann, er gibt Sändy eine Zehnernote und verabschiedet sich mit einem «Bleib gesund». Das würde reichen für ein Abendessen plus Übernachtung im Sleeper. Oder für fünf Dosen Bier. Eine kleine Pfeife Kokain. Etwas Warmes zu essen. Sändy will es sich noch überlegen.

*Name geändert

 

Audio: Der Surprise-Redaktor Klaus Petrus hat im Podcast Surprise Talk mit dem Radiomacher Simon Berginz über die Hintergründe seiner Reportage geredet. 

Video: Hier gibts die Reportage als Video.


Hilfe für Sozialwerke

Das vom Bund per Mitte März 2020 verordnete Social Distancing hat auch für jene, die am Rand der Gesellschaft leben, erhebliche Konsequenzen. Um die Abstandsregeln des Bundes einzuhalten, mussten z. B. die Notschlafstellen in verschiedenen Schweizer Städten ihre Plätze minimieren. In 4-Bett-Zimmern darf jetzt nur noch eine Person schlafen, in 6-Bett-Zimmern sind es deren zwei. Entsprechend müssen Betroffene abgewiesen werden, eine für diese Institutionen unhaltbare Situation. Hilfe kommt von unterschiedlicher Seite. So stellte die Christoph Merian Stiftung 300 000 Franken zur Verfügung, um in Basel Menschen ohne festen Wohnsitz während der Corona-Krise ein Hotel zur Verfügung zu stellen. In Biel hat die Stadt ein Pfadfinderlager gemietet, um das reduzierte Angebot der Notschlafstelle zu kompensieren. In Bern dagegen ist der Sleeper bisher mehr oder weniger auf sich selbst gestellt; seine Einnahmen kommen eigentlich aus der dazugehörigen Bar «Dead End», die jedoch schliessen musste, weswegen ein Crowdfunding gestartet wurde. Um den Sleeper sowie das Passantenheim der Heilsarmee zu entlasten – sie bieten insgesamt 70 Schlafplätze an –, hat die Stadt Bern inzwischen in einem Gebäude 29 Einzelzimmer zur Verfügung gestellt.

Auch die Essensversorgung wurde aufgrund der Covid-19-Verordnung des Bundes eingeschränkt. So musste die Tafel «Tischlein deck dich», von der in der Schweiz jede Woche 20 000 Personen profitieren, eingestellt werden, weil der Sicherheitsabstand bei der Essensausgabe nicht eingehalten werden kann und viele Freiwillige aufgrund ihres Alters zur Risikogruppe gehören.

Organisationen aus der Zivilgesellschaft versuchen diese Lücken zu füllen – in Bern etwa die Kirchliche Gassenarbeit oder das Kollektiv Medina, indem Essen in öffentlich zugänglichen Kühlschränken gelagert oder an öffentlichen Plätzen verteilt wird. Diese Hilfe, soll sie unkompliziert und direkt erfolgen, ist nur mit finanzieller Unterstützung möglich. Eine wohl beispiellose Aktion lancierte Ende März die Katholische Kirche Region Bern: Innert kurzer Zeit beschloss sie eine Soforthilfe in Höhe von einer Million Franken. Ein Grossteil des Geldes kommt sozialen Institutionen zugute, die sich für Armutsbetroffene und andere Personen am Rande der Gesellschaft einsetzen, 200 000 Franken wurden in Migros-Einkaufsgutscheine umgewandelt.

«Mehr Hektik als sonst»

Der Druck unter Süchtigen nehme zu, eine offene Drogenszene sei aber nicht zu befürchten, sagt Rahel Gall von der Suchthilfe Contact.

Frau Gall, der Stress unter den Drogensüchtigen bei der Berner Anlaufstelle steigt. Teilen Sie diesen Eindruck?

Ja. Wir mussten infolge der Covid-19-Verordnung des Bundes unser Angebot einschränken. Konkret konnten wir in der Anlaufstelle an der Hodlerstrasse in Bern nur noch 11 von 22 Plätzen aufs Mal besetzen. Was dazu geführt hat, dass die Betroffenen draussen auf dem Trottoir in einem Zwei-Meter-Abstand warten mussten. Manche hatten Mühe damit, sie benötigen dringend ihren Stoff, was mehr Hektik erzeugt hat als sonst.

Was haben Sie dagegen unternommen?

Wir konnten in Zusammenarbeit mit der Stadt im Hof der Anlaufstelle einen Container mit 12 zusätzlichen Plätzen aufstellen. Jetzt sollte sich die Lage wieder beruhigen, weil wir damit wieder die ursprüngliche Anzahl Plätze haben. Doch der Druck unter den Betroffenen hat noch andere Gründe.

Welche?

Viele gehören zur Risikogruppe, nicht so sehr aufgrund des Alters, sondern wegen ihrer angeschlagenen Gesundheit. Auch rechnen wir damit, dass weniger Drogen im Umlauf sein werden, sollte der Lockdown weiter anhalten. Sind Drogen knapp, werden sie eher gestreckt, und das kann fatale gesundheitliche Folgen haben – im schlimmsten Fall den Tod durch Überdosis.

Man sieht in diesen Wochen wieder mehr Leute auf der Gasse konsumieren. Muss man sich vor dem Schreckgespenst der 1990er-Jahre fürchten, einer offenen Drogenszene?

Nein, ich denke nicht. Das wäre vielleicht dann der Fall, wenn Contact die Anlaufstelle schliessen müsste. Doch daran hat niemand ein Interesse, im Gegenteil.Wir setzen alles daran, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Fakt ist: Nur dank der Anlaufstelle und der Zusammenarbeit von Contact mit der Stadt, der Polizei und anderen Organisationen gibt es hierzulande keine offene Drogenszene mehr.

Die Strassen sind leerer als sonst, die Drogensüchtigen werden dadurch sichtbarer. Manche von ihnen fürchten sich vor Vorurteilen, die jetzt wieder stärker werden könnten.

Ich kann das verstehen. Auf der anderen Seite ist die Solidarität, die die Stiftung Contact als Organisation gerade in diesen Wochen spürt, sehr gross. Ich wünsche mir, dass sie auch nach der Krise noch bestehen bleibt.