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Illustration: Rahel Nicole Eisenring

All Inclusive
Unter einem grossen Stein

Es muss ca. 2005 gewesen sein: Die damals 59-jährige, schwer psychisch kranke Frau Z. sass zitternd und untröstlich weinend da: «Sie wollen uns die IV-Rente wegnehmen!» «Sicher, ganz sicher nicht», versuchte ich zu beruhigen, «wissen Sie, die Renten sind unantastbar.»  

«Doch doch, die grösste Partei will unsere Renten stoppen, es stand im Tagi, wir heissen jetzt Scheininvalide.» «Niemals wird das möglich werden, in ganz Europa nicht. Wie gesagt: Die Renten sind und bleiben unantastbar.» Ich war überzeugt, das richtige Argument gefunden zu haben. Aber, wie recht die Patientin behalten sollte!»

So beginnt ein Artikel der Psychiaterin Doris Brühlmeier, der kürzlich in der Schweizerischen Ärztezeitung (SAEZ) erschien. Brühlmeier beschreibt darin, dass seit einigen Jahren immer mehr ihrer Patientinnen von IV-Gutachtern gesundgeschrieben werden und trotz schwerer psychischer Erkrankung keine IV-Rente erhalten oder ihre langjährige Rente verlieren. Deshalb fing sie letztes Jahr an, eine Statistik zu führen. Brühlmeier verschickte Fragebogen an 50 Psychiater und Psychiaterinnen in den Kantonen Aargau und Zürich. Sie erhielt 13 Fragebögen zurück, Daten von insgesamt 402 Patienten flossen in die Untersuchung ein, in der Brühlmeier zum Schluss kommt, dass offensichtlich eine «humanitäre Katastrophe im Gange sei». Auch wenn die Umfrage nicht repräsentativ sei, hätten die Daten von hunderten Patienten, davon 177 «IV-Opfer», doch eine gewisse Aussagekraft. Es zeige sich, dass die Ausmusterung aus der IV (43 Patienten) in 93 Prozent der Fälle direkt in den «sozialen Tod» führe, will heissen: Abhängigkeit vom Sozialamt, vermehrte Krankheit, Hospitalisationen, Armut und vollkommene Erwerbsunfähigkeit. Die Verweigerung einer Rente (134 Patienten) hatte in 60 Prozent der Fälle ähnlich negative Folgen.

Verschiedene Medien griffen die Thematik auf. Unter anderem die Radiosendung «Echo der Zeit», welche IV-Chef Stefan Ritler mit Brühlmeiers Umfrageresultaten konfrontierte. Ritler zeigte wenig Verständnis für die Kritik. Es handle sich um Einzelfälle, sagt er, denn die Zahlen des Bundesamtes für Sozialversicherungen würden ein ganz anderes Bild zei- gen. Ausserdem falle niemand durch das soziale Netz. Personen, die kein Anrecht auf eine Invalidenrente haben, könnten sich bei der Sozialhilfe melden.

Menschen mit psychischen Erkrankungen erhalten in der Sozialhilfe allerdings nicht die Unterstützung, die sie benötigen. Sie können beispielweise nicht an spezifisch auf sie zugeschnittenen Integrations- oder Beschäftigungsprogrammen teilnehmen, da diese nur über die Invalidenversicherung finanziert werden. Es ist deshalb auch nicht erstaunlich, dass Brühlmeier in ihrer Untersuchung feststellte, dass diejenigen Patienten, welche eine IV-Rente erhalten, dadurch psychisch stabilisiert werden und deutlich häufiger als die Sozialhilfebezüger – zumindest in einem kleinen Pensum – arbeiten. Rentenverweigerungen führen also nicht zu vermehrter Erwerbstätigkeit. Im Gegenteil.

Brühlmeiers Artikel rief grosses Echo hervor. Ein Psychiater schrieb in einem Leserbrief, er habe bei seinen Patienten Ähnliches beobachtet und sei nach der Lektüre beschämt, selbst nicht gehandelt zu haben. Ihm sei aber die Thematik in der Presse bisher merkwürdigerweise nicht begegnet. Man muss die letzten Jahre schon unter einem sehr grossen Stein geschlafen haben, um nicht mitbekommen zu haben, wie das Parlament im Rahmen der 6. IV-Revision 2010 unter dem Eindruck der Scheininvalidenkampagne der SVP massive Verschärfungen für Menschen mit psychischen Erkrankungen beschloss. Psychiaterinnen, die den politischen Entwicklungen damals tatenlos zusahen und die – wie sich zeigte – berechtigten Ängste ihrer Patienten lange nicht ernst nahmen, sollten sich für die heutigen Zustände zuallererst an der eigenen Nase nehmen.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 407 des Surprise Strassenmagazins.