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Begleitung
Unterwegs ins Leben, auf dem Weg hinaus

Während sie auf die Geburt ihres Sohnes wartet, fühlt sich die Autorin zurückversetzt

in eine Zeit, als sie auf den Tod ihrer Mutter wartete.

Geburt und Tod sind unverfügbar, sie entziehen sich unserem Planen und Tun. Sie geschehen. Darin sind sie sich sehr ähnlich. Das Warten auf die Geburt meines Sohnes zog sich hin. Lang ersehntes Wunschkind, jahrelanges Probieren, dann endlich: Wir bekommen ein Baby! Übergrosse Freude. Schliesslich nahte der Termin. Noch wenige Wochen bis zum siebten Juli. Freunde luden uns ein, sie feierten ihre Hochzeit ausgerechnet am Geburtstermin, noch dazu mehrere Stunden weit entfernt, nein, da können wir nicht kommen, da kommt unser Kind zur Welt.

Hoffen. Dass sie doch noch wieder gesundwerden könnte, entgegen allen Prognosen. Weihnachten verstrich. Die Böden waren vereist, die Nächte lang. Für ein paar Tage kam sie nochmal nach Hause, meine Mutter, schwerkrank mit Krebs im Endstadium. Das Hoffen nahm ab mit jedem Anzeichen des Todes, der immer stärker nach ihr griff. Als die Qualen schlimmer wurden, fingen wir an zu warten. Darauf, dass sie gehen darf. Ob ich zu Freunden zum Essen kommen wolle? Nein, das geht nicht, meine Mutter liegt im Sterben.

Der siebte Juli kam, die Aufregung stieg, der Bauch war riesig, die Haut gespannt. Eine kurze Runde mit dem Velo in der Sommerhitze drehen, das ging noch. Aber dann gleich wieder die Füsse hochlegen. Der achte Juli kam und ging. Ach, er wird schon kommen! Der neunte, der zehnte. Die Ungeduld stieg. Nachrichten auf dem Handy von Freunden, die sich erkundigten. Noch alles still hier. Was werden die nächsten Tage bringen? Und wie wird das sein: plötzlich selbst Mama sein? Wann kommt das Kind endlich? Der Terminkalender: leer.

Der Dezember verstrich, der Januar kam. Ich hatte die letzten Jahre, nachdem sie krank geworden war, Angst vor ihrem Tod gehabt. Ich fühlte mich mit Anfang zwanzig absolut nicht bereit dazu, sie gehen zu lassen, ich wollte nicht ohne Mama auf der Welt sein. Aber wenn es icht anders geht, sagte ich zu ihr, dann will ich wenigstens dabei sein. In jenem Winter bahnte es sich fühlbar an. Es ging ihr so elend. Sie befand sich schon halb dort, in der anderen Welt; sie wusste oft nicht mehr, wo sie war und was um sie herum passierte. Wir wünschten ihr, sterben zu können. Ein Freund der Familie meinte: Manche Menschen können nicht sterben, weil sie nicht losgelassen werden. Also stellten wir uns um sie herum und sagten ihr: Du darfst gehen, wir lassen dich los. Aber sie ging nicht.

Elfter Juli. Zwölfter, dreizehnter, vierzehnter. Ich wollte so gerne ins Geburtshaus, aber dort dürfte ich bis höchstens zehn Tage nach Termin gebären, sagten sie mir. Ich befolgte alle Tipps der Hebamme. Scharfes Essen, Sex, Wehencocktail mit Rizinusöl und Mandelmus, aber nichts regte sich. Komm, mein Kind, komm! Mach dich auf den Weg! Aber es kam nicht.

Und schliesslich wurde es Februar. Meine Mutter verbrachte die letzten Wochen in einem Hospiz. Wir flössten ihr Wasser und Tee ein, versuchten, ihr das Essen schmackhaft zu machen. Wir wachten die Nächte bei ihr, in denen sie eher schlummerte als schlief, wo sie halluzinierte und Ängste durchstand.

Bis zum achtzehnten Juli durfte ich warten, ob mein Kind sich von selbst auf den Weg machen würde. Das war die Abmachung zwischen Geburtshaus und Spital. Sie hatten mir einen Tag mehr geschenkt, weil alles gut aussah. Am achtzehnten Juli sagte die Oberärztin der Gynäkologie zu mir: Frau Adrian, einen weiteren Tag kriegen Sie noch. Aber wenn bis morgen früh um acht nichts passiert, dann ist Schicht im Schacht! Dann sind Sie hier. Schicht im Schacht? Wo sind wir denn hier? Aber es war mein erstes Kind, entgegen allem ärztlichen Rat traute ich mich nicht, weiter zu warten. Was ist, wenn es Komplikationen gibt? Bei den Hebammen durfte ich ja nicht mehr gebären. Mit ziemlich mulmigem Gefühl fuhr ich am nächsten Morgen ins Spital, mein Köfferchen gepackt, und begab mich dort in die Hände der modernen Medizin.

Tagsüber wollte meine Mutter immer wieder los und eine Reise antreten. Doro, pack mal meinen Koffer, dann können wir los, sagte sie. Wohin möchtest du denn gehen?, fragte ich. Das wusste sie selbst nicht so genau. Wir hoben sie in den Rollstuhl und gingen durch die Flure. Sie war unterwegs.

Die Geburt wurde eingeleitet und so dem Warten ein Ende bereitet. Wobei: Etwas warten musste ich schon noch. Doch dann überrollten mich die Wehen wie ein Sturm, ich versuchte mich irgendwo festzuklammern. Frau Adrian, wir Frauen sind für so etwas gemacht!, rief mir eine Krankenschwester zu, als ich mich von meiner Station auf die Gebärstation hochatmete. Ihre Stimme verhallte, die Wehen hatten mich im Griff, ich kämpfte auf offener See ums Überleben. Ich dachte an all die Frauen auf dieser Welt, die bei einer Geburt ihr Leben verloren hatten. Ich spürte diese existenzielle Grundlinie, die das Hier vom Dort trennt. Ich schrie und presste. Am nächsten Morgen, die Wehen waren nicht wirkungsvoll genug gewesen, stand ein ganzer Ärzt*innen-Trupp vor mir. Die Oberärztin kündigte an, sich jetzt auf meinen Bauch zu schmeissen. «Kristellern» nennt man dieses umstrittene Manöver, benannt nach dem Erfinder. Mit voller Wucht warf sie sich auf mich, drückte und quetschte. Mit einem letzten Rest Humor sagte ich: Das geht nicht sanfter, oder? Mein Mann sagte endlich: Ich sehe den Kopf! Ich sagte nichts.

Als es so weit war, da wachte meine Schwester mit ihrer Freundin bei ihr. Sie sangen ihr Lieder, als sie dann, in einer Nacht Ende Februar, zum letzten Mal einund ausatmete. Und dann war: Stille. Als meine Mutter ging, war ich nicht dabei. Wir hatten wochenlang auf ihren Tod gewartet.

Babygeschrei, gesundes Babygeschrei! Das Kind war da. Endlich da. Wir hatten so lange darauf gewartet, jetzt hielten wir es in den Armen. Doch die Geburt hatte mich geschockt. Die ersten Tage habe ich viel geweint. Es dauerte, bis sich Freude einstellte. Ich fühlte mich wie eine Überlebende. Aber dann erholte sich der Körper langsam und ich realisierte: Ich bin jetzt eine Mutter. Ich schloss unseren Sohn jeden Tag mehr ins Herz.

Nun war meine Mutter tot. Die ersten Tage fühlte ich mich, als würde ich schweben. Ich habe keine Mutter mehr. Irgendwie hatte ich immer gefürchtet, dass ich selbst ableben würde, wenn sie geht. Oder zumindest ein Teil von mir. Aber ich habe überlebt.