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Vergrabene Leidenschaften

Es ist Samstag gegen 11 Uhr vormittags. Ich bin gut gelaunt. Noch in der Küche, während ich meinen Cappuccino trinke, entscheide ich, dass ich heute endlich all die Dinge erledige, die ich immer wieder aufgeschoben habe. Das Zimmer aufräumen, einkaufen, eine Lyca-Prepaid-Karte am Kiosk kaufen und meine Familie anrufen. Meine Kleider waschen, joggen gehen. Während ich den letzten Schluck Cappuccino trinke, gehe ich langsam in mein Zimmer. Dort sehe ich rechts mein Bett stehen mit den vielen Kleidern darauf, die gewaschen werden wollen. Mein Laptop liegt auf dem Schreibtisch, links daneben steht meine einzige Pflanze sowie ein Bücherregal. Mein Blick bleibt an einem Notizbuch hängen, das auf dem Bücherregal liegt.

Ich bekam es von einem ehemaligen Sozialarbeiter geschenkt, der im Asylzentrum arbeitete, wo ich untergebracht war. Er war einer der ersten Schweizer, der mir das Gefühl gab, ein normaler Mensch zu sein. Ein Mensch, der ein Geschenk verdient und einen Traum hat. Er liess mich spüren, dass ich in der Schweizwillkommen war. Auf die erste Seite des Büchleins hatte er geschrieben: «Liebe Semhar, ich denke, wenn du deine Träume aufschreibst, werden sie schneller wahr.»

In einem fremden Land anzukommen, bedeutet viele Hindernisse. Eines ist, dass wir Migrantinnen und Migranten Angst haben, missverstanden werden. Oder dass wir Gedanken im Kopf haben, von denen wir nicht wissen, wie wir sie beschreiben sollen, so wie wir gern möchten.

Wann immer ich die Widmung im Notizbuch lese, gibt sie mir positive Energie, weil ich das Gefühl habe, verstanden worden zu sein. Es ist, als habe der Sozialarbeiter damals meine Gedanken gelesen. Vom ersten Tag an, als ich das Büchlein bekam, schrieb ich darin täglich meine Gedanken nieder. Ich reflektierte, was es bedeutet, eine eritreische Flüchtlingsfrau in der Schweiz zu sein. Ich versuchte, meinen Weg zu finden. Ich schrieb über Verschiedenes: angefangen vom schrecklichen Heimweh über den täglichen Kulturschock bis hin zu den lustigen und manchmal schmerzhaften Dingen, die ich erlebte. Es freut mich und macht mich gleichzeitig nostalgisch, darin zu lesen. Leider enden die Aufzeichnungen im Mai 2013. Ich blättere ein paar Seiten weiter, um noch etwas zu finden, ob ich nicht doch noch irgendwo etwas aufgeschrieben hatte. Aber ich finde nichts mehr. Ich frage mich, weshalb ich aufgehört habe zu schreiben.

Ein Tagebuch zu führen, war nichts Neues für mich. Ich hatte schon früher geschrieben, um mit mir selbst im Austausch zu bleiben, oft, wenn ich in einer besonderen Umgebung war. Zum Beispiel in der Zeit, als ich in Eritrea acht Monate lang weit weg von zuhause war, um die Militärausbildung zu absolvieren. Ich erinnere mich an ein Training, als ich mich in der Nacht sehr hungrig fühlte, weil ich die Essenszeit verpasst hatte. Ich erinnere mich daran, wie ich abends heimlich schrieb, und an die Freude, die ich daran hatte. Und ich frage mich wieder, wann und wieso ich damit aufgehört habe. Ich schäme mich dafür, dass ich das Notizbuch in den letzten fünf Jahren nicht angefasst habe.

Während ich noch in Gedanken mit der Frage beschäftigt bin, wie ich meine Leidenschaft fürs Schreiben wieder hervorholen könnte, klingelt plötzlich mein Telefon und bringt mich zurück in die Gegenwart: Nun ist es schon 14 Uhr und ich habe noch nicht eines meiner Vorhaben für heute begonnen.

SEMHAR NEGASH, 30. NOV. 2018