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Moumouni...
Verrückt gewartet

Wenn ein nahestehender Mensch psychisch abdriftet, bedeutet das für das Umfeld eine hohe Belastung. Nicht immer ist klar, ob die Verbindung das aushält oder daran zerbricht.

Über drei Jahre lang war eine Person, die mir nahesteht, im Auf und Ab einer schizoaffektiven Psychose. Wilde Jahre voller Brüche, verrückter Reisen, unverständlicher Aktionen und hoffnungsloser Psychiatrieaufenthalte. Die Ärzt*innen, Betreuer*innen und Therapeut*innen, die sich an ihr abarbeiteten, sahen nicht viel Hoffnung auf ein Leben zurück in die «Normalität». Doch irgendwann kam dann doch einfach das Jahr der Genesung, Aufarbeikam dann doch einfach das Jahr der Genesung, Aufarbei- tung und Antworten. Ich erinnere mich daran, wie ich gewartet habe, bis ich nicht mehr gewartet habe.

I.

Nichts tun können
Ist wie im Kühlschrank im Gemüsefach gehalten werden Ist wie geschält werden
Ist wie einfach verkocht zu werden
Ich fühl mich so sehr wie eine Karotte.

Eine Zeit lang habe ich dich überall gesehen. An der Bushaltestelle hustend, an der gegenüberliegenden Strassenseite, so weit entfernt, dass ich mir lang genug überlegen konnte, wie sehr ich nicht wüsste, was tun, wenn du es tatsächlich wärst. Wie oft du vor der Tür standest und ich nicht wusste, was mit dir anfangen – und dann warst du eh wieder weg. Du hattest eine sehr freie Interpretation von Freiheit.

Es gehört zum Krankheitsbild, dass du die Krankheit nicht als eine solche anerkennen willst. Und so setzt du die Medikamente ab und beschimpfst die Pfleger*innen und brichst aus der Psychiatrie aus. Immer wieder. Ein Kinderspiel für dich. Stehst wieder vor der Tür und versuchst mich davon zu überzeugen, dass es eine Begabung, keine Krankheit sei. Ein bisschen glaube ich dir. Übermenschliche Kräfte hast du und bist flüchtig wie ein Geist. Manchmal hast du mich plötzlich gehasst. Von einer Sekunde auf die andere. Einmal habe ich es geschafft, dich dabei zum Lachen zu bringen, dann warst du plötzlich wieder normal. Ich habe es so oft wieder versucht, bis ich gemerkt habe, dass ich es nicht wirklich beeinflussen kann. Was konnten wir schon tun? Wir sind nur ein paar Möhren und du raffelst uns unbarmherzig in deine Suppe.

II.

Hoffnung haben
ist wie sich selber verarschen
und dann abwarten, ob man das Glück hat die Wahrheit gesagt zu haben.

Es tat mir gut, nicht mehr sauer sein zu müssen. Erleichtert, dass es einen Grund gab für dein Verhalten. Eine Krankheit, die ich nicht einmal richtig beim Namen nennen kann. Die Mischung aus all den Diagnosen, die ich gehört habe. Manisch-aggressiv gefällt mir am besten, weil ich mir denke, dass wir darüber lachen könnten, wenn alles wieder normal ist. Dann ist es ein Wortspiel, das du stolz kichernd herausposaunst. Ein paar Mal habe ich gesagt, dass ich damit leben könnte, wenn es nicht schlechter wird, sondern so bleibt. Dann hast du mir Geheimnisse erzählt, die ich nicht verstand, und wir hatten eine gute Zeit. Du musst für mich nicht normal sein. Ich konnte erst später rekonstruieren, wie sehr du es nie warst. Du warst einmal auch mehrere Monate wieder du, und wir wir. Bevor du wieder die warst, die du bist, wenn du nicht du bist. Oder bist das einfach du? Eine Zeit lang wusste ich nicht, ob ich diejenige bin, die nicht weiss, wer du bist, oder du. Also ich meine, was ist eigentlich dein echtes Ich?

Du magst es nicht, wenn ich sage, es ist eine Krankheit. Du willst ernstgenommen werden. Ich nehme dich ernst. Alles, was du willst.

III.

Aufgeben
ist wie von der Wäscheleine hängen
ist wie warten, bis man abgehängt wird und dann weggeräumt.
Ich fühle mich so sehr wie eine Unterhose!

Deine Freundinnen machen sich so lange Sorgen, bis sie keine Freundinnen mehr sind. Deine Reise geht weiter. Und sie endet nie mit den vielen dramatischen Rettungen, die du uns auch noch übelnahmst. Die Reise endet selten mit der Polizei, die dich ungelenk wieder aufgabelt und nicht weiss, was tun. Nach ein paar Mal wissen wir: Wir haben nur kurz Zeit, aufzuatmen und dann geht es weiter, und wir bewundern wieder, wie zäh du bist und wie viel Kraft du hast und Energie und wie viel Kaffee du trinken und Zigaretten du rauchen kannst.

Ich war so sauer, als du rassistisch wurdest und so vieles nicht mehr warst. Die Wut und der Ekel sitzen mir noch unter den Fingernägeln und sind zuletzt mit der Nagelhaut verwachsen. Aber was bringen einem solche Finger, wenn man dich nicht greifen kann.

Du kennst mich nicht mehr. «Seit neustem» nennst du es, wenn ich etwas erzähle, was längst nicht mehr neu ist. Aber du weisst so vieles nicht von mir, seit wir in deinen Funklöchern gefangen sind.

IV.

Glück haben
ist wie Pech haben,
nur, dass man eben Glück gehabt hat

Und als ich so lange gewartet hatte, dass ich nicht mehr wusste, dass ich am Warten bin, da kamst du plötzlich zurück. Und ich war endlich keine Unterhose mehr! Ich bin oft erleichtert, dass man dich nicht so schnell stirbt. Du hättest oft sterben können. So wahnwitzig, so wild – und es stimmt: so frei, wie du warst. Eine Zeit lang hättest du alle Geschichten erzählen können, erlebt oder ersponnen, und nichts hätte mehr überrascht. Jetzt können wir darüber lachen, und du kannst eine Pause machen.

Endlich kann man wieder mit dir streiten, ohne sich fragen zu müssen, ob es vergeblich ist. Dich ernst zu nehmen ist nicht mehr ein Puzzle. Es ist noch nicht alles wieder gut. Du hast vieles kaputt gemacht und nur langsam wieder aufgebaut. Aber man kann wieder auf dich bauen. Wer hätte das gedacht?