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Moumouni...
... versucht Ferien in Uri

FATIMA MOUMOUNI ist inzwischen wohl in dem Alter, wo es schön ist, in den Ferien etwas Anstrengendes zu machen: wandern.

 

«Die Schweiz ist SO schön!», hört man überall, und dann wird von Bergen und Bergkäse und Seen und Bergseen geschwärmt. Diese Landschaften, diese Bergkäse­Stationen, die einem den Glauben an die Menschheit zurückgeben, weil es einfach zu funktionieren scheint mit den glücklichen Kühen und den erquickenden Gräsern auf der Weide, der lächelnden Milch und dem heimatliebenden Kalb. Und erst das Bezahlsystem! Es steht ein Preis und ein Kässeli da und die Leute sind so ehrlich, dass sie den richtigen Betrag – oder auch mal mehr, weil nur Scheine – einwerfen und sich einen oder gar mehr Käse («Weisch au na für mini Tante, sie LIEBT Chäs.») rausnehmen. Lächelnd.

Ich habe mir Blevita­-Cracker gekauft, frei nach dem Motto «Blevita Loca!» und bin ein paar Tage im geschichtsträchtigen Urkanton Uri wandern gegangen. Sogar die Rütliwiese habe ich besucht! (Ziemlich unspektakulär, die Flagge hing schlaff herab und die Älplermusik kam aus einem Bluetooth­-Minilautsprecher.) Auf dem «Weg der Schweiz» viel Folklore, Geschichtstäfelchen, auf denen der Superhero Schweiz glänzt und Stärke zeigt. Eine Tafel suggeriert «Widerstand» und «Zusammenhalt» der Schweiz im Zweiten Weltkrieg und vergisst den hässlichen Rest. Aber schön ist es allemal.

Ein Hotel zu finden, war gar nicht so einfach. Eine Freundin von mir war letztens mit ihrer zwölfjährigen Tochter (beide Schwarz, beide Schweizerinnen) in einem Hotel in Gstaad. Der Frühstücksraum sei die Hölle gewesen. Von oben bis unten, auf Schritt und Tritt wurde ihnen schamlos mit Blicken gefolgt, als wären sie Aliens. Wo macht man Ferien, wenn man Urlaub von Rassismus will? Sicherheitshalberlieber nicht auf dem Land in der Schweiz. Ich versuchte, das auszublenden, ich hatte schliesslich Ferien, gern auch vom ständig über Rassismus nachdenken.

Ich steige in einem Ort aus und suche nach einem Hotel, auf das mich ein Strassenschild hinweist. Ich muss mehrmals an einer Beiz vorbeigehen, die Weisshaarigen, Rotnasigen dort schauen allesamt böse und reagieren nicht auf mein Grüezi. Aber vielleicht liegt es ja am Zürcher Nummernschild. Das Hotel hat zu, ich fahre weiter. Als ich endlich ein Hotel finde, im nächsten Ort, in dem etwas frei und zahlbar ist, begrüssen mich am Eingang zwei Statuen: Schwarze Männer im Anzug. Sie erinnern mich an den «Boy», den mein weisser Opa lange in seinem Wohnzimmer stehen hatte. Wenigstens haben sie kein Tablett in der Hand. «Vielleicht ist das ja auch des Besitzers Verlangen nach Diversität und er möchte so seine Offenheit zeigen», denke ich und möchte mir das Hotel nicht verderben. Der Hotelbesitzer ist sehr herzlich und aufgeschlossen.

Am Zmorge­Tisch unterhalten sich laut zwei ältere Männer: «... und der Obama, also der hat ja sogar als Nicht­-Amerikaner, also als ... Schwarzer, hat der das so gut gemacht. Aber dem Trump, dem geht es nur ums Geld.» Ich bete, dass ich hier nie über Rassismus reden muss, ich bin gerade so empfindlich. Der Wunsch wird mir beinahe nicht erfüllt. Jemand erkennt mich freudig auf einem Berg und möchte mich den dortigen Älpler­ musiker*innen vorstellen und erzählt ihnen eifrig von der «Arena»­Sendung, in der ich war, «die über ‹Andersfarbige› oder wie sagt man?» Die Älpler*innen interessieren sich nicht, ich hätte nie ge­ dacht, dass ich diesbezüglich mal «zum Glück» denken würde. Aber ich habe ja Ferien und auch ich will manchmal ein­ fach nur Käse, Berg und «eusi schöni Schwiiz» geniessen.