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Die Schweiz schreibt
Vom Armsein in der reichen Schweiz

Die Caritas Schreibwerkstatt ermöglicht es Menschen mit kleinem Budget, ihre Geschichten zu erzählen.

Menschen mit wenig Geld kommen im Alltag selten zu Wort. Teils wegen ihrer eigenen Scham, teils aber auch, weil sie von der Gesellschaft kaum wahrgenommen werden.

Nicht so in diesem Schreibprojekt: Seit 2010 lädt die Caritas Zürich einmal im Jahr Menschen mit schmalem Budget und Interesse am schriftlichen Ausdruck zu professionellen Kursen ein, wo sie sich schreibend mit der eigenen Situation auseinandersetzen können. «Die Schreibwerkstatt ist nicht als therapeutisches Angebot konzipiert, sondern richtet sich in erster Linie an Menschen, die Freude am Schreiben haben, sich einen solchen Kurs aber nicht leisten könnten», betont die Kulturpublizistin Andrea Keller, die gemeinsam mit der Autorin Tanja Kummer die Kurse leitet. «In den Schreibgruppen stellt sich schnell das Gefühl ein, im selben Boot zu sitzen. Ich bin jedes Mal von der Offenheit und der gegenseitigen Toleranz beeindruckt, denn es sind ganz unterschiedliche Menschen, die bei uns zusammenkommen, um Texte über das Leben mit wenig Geld in der reichen Schweiz zu schreiben.» So gebe es zum Beispiel Teilnehmende, die handwerklich bereits viel Vorwissen mitbringen, während andere noch keine Schreibroutine hätten, jedoch lernen möchten, wie man einen packenden Text schreibt. «Wir vermitteln die Grundlagen der Schreibtheorie, zeigen auf, was eine Episode ist oder wie man einen passenden Titel findet. Da die Kurse freiwillig besucht werden, haben wir es mit sehr motivierten Männern und Frauen zu tun, was eine Freude ist.»

Besonders wertvoll für die Teilnehmenden sei die Feedbackrunde. «Im Kurs werden die Texte gegenseitig vorgelesen. Wer durch Armut beruflich und sozial isoliert ist, hat oft den Eindruck, er oder sie sei kein Teil der Gesellschaft mehr. Im Kurs erlebt man Zugehörigkeit, und das Vorlesen der eigenen Gedanken baut das Selbstvertrauen auf», sagt Keller.