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Die Sozialzahl
Wachsende Armut und materielle Entbehrung

Die Armutsquote lag 2019 in der Schweiz bei 8.7 Prozent. Das ist der höchste Wert der letzten zehn Jahre. 735 000 Personen waren von Einkommensarmut betroffen. In diesen Zahlen sind die Auswirkungen der Corona-Krise noch nicht enthalten.

Die Berechnung der Armutsquote ist nur ein Konzept, um die Lebenslage vulnerabler Menschen zu beschreiben. Ein anderes ist die Messung der materiellen Entbehrungen. Von materieller Entbehrung wird gesprochen, wenn Personen aus finanziellen Gründen einen Mangel an elementaren Lebensbedingungen und Gebrauchsgütern aufweisen, die von der Mehrheit der Bevölkerung als wesentlich erachtet werden. Zurzeit werden europaweit neun verschiedene Kategorien verwendet.

Die prekäre Lebenssituation spiegelt sich demnach im Ausmass der materiellen Entbehrungen, die Haushalte leisten müssen. So wird auch in der Schweiz regelmässig gefragt, wer sich zum Beispiel keine Woche Ferien im Jahr, unerwartete Rechnungen von 2500 Franken im Monat, kein Auto, keinen Fernseher oder keinen Computer leisten kann. Über die einzelnen Kategorien kann man streiten. Ob ein fehlendes Auto zur materiellen Entbehrung dazu gehört, mag für viele in der Schweiz fraglich sein, im dünn besiedelten Finnland sieht das anders aus. Auch die Frage nach dem Computer müsste wohl mit dem Zugang zum Internet ergänzt werden, wenn man an den Zwang zum Homeoffice in der Corona-Krise denkt.

Die Quote der materiellen Entbehrung zeigt denjenigen Anteil der Bevölkerung auf, der in mindestens drei der neun Kategorien materieller Entbehrung ausgesetzt ist. 2019 beträgt diese Quote in der Schweiz 4.9 Prozent. Sieht man sich einzelne Kategorien an, gewinnt das Bild der Prekarität an Kontur. 8.9 Prozent der Bevölkerung haben Zahlungsrückstände, 20.7 Prozent können keine ungeplanten Ausgaben von 2500 Franken tätigen, 8.8 Prozent sich keine Woche Ferien leisten. Unter besonders hoher materieller Entbehrung leiden Einelternhaushalte. Hier beträgt die Quote 16.2 Prozent. Fast die Hälfte der Alleinerziehenden können unerwartete grössere Ausgaben nicht tätigen, weil sie auf kein Erspartes zurückgreifen können. Rund ein Viertel kann sich keine Ferien leisten. 6.7 Prozent dieser Familien müssen sich sogar beim Essen einschränken und können nicht mal jeden zweiten Tag eine komplette Mahlzeit zu sich nehmen.

Mit dieser Statistik gewinnt man einen genaueren Eindruck der materiellen Armut, als wenn man sich nur auf die nackte Zahl der Einkommensarmut konzentriert. Deutlich wird, mit welchen Einschränkungen Menschen leben müssen, die kein existenzsicherndes Einkommen erzielen. In permanenter Furcht vor neuen Rechnungen müssen sie sich beim täglichen Bedarf einschränken und auf soziale Teilhabe verzichten. Leider müssen wir davon ausgehen, dass sich das Ausmass an materieller Entbehrung für viele in der Corona-Krise weiter akzentuiert hat. Auch in der reichen Schweiz!