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Challenge League
Wehende Kopftücher

Meine Kindheit habe ich in einem Dorf im Nordwesten des Irans verbracht. Damit wir in die Schule gehen konnten, schickten uns unsere Eltern in die Stadt Sardasht. Eines Tages kam meine Schwester weinend nach Hause. Sie ist vier Jahre jünger als ich und ging damals ins erste Schuljahr. Meine Eltern fragten sie nach dem Grund für die Tränen, aber sie konnte nicht richtig antworten, weil sie so schluchzte. Als

sie sich etwas beruhigt hatte, erzählte sie, dass man sie nicht in die Schule reingelassen hatte. «Meine Lehrerin hat mich nach Hause geschickt. Sie sagte, ich solle mit meinen Eltern wiederkommen.»

Einen Tag zuvor hatten meine Eltern der Schwester einen roten Mantel gekauft. Sie freute sich sehr über die tolle rote Farbe. Ich erinnere mich gut daran, dass sie ihn die ganze Nacht über anbehalten hatte. Die Lehrerin aber sagte, sie dürfe nur mit einem schwarzen oder einem dunkelblauen Mantel in die Schule kommen. Das traf meine Schwester sehr. Wir kamen aus einem kurdischen Dorf, wo die Frauen allerlei Farben anzogen und sich ohne Kopftücher bewegten. In der staatlichen Schule aber durften Mädchen nur dunkle Farben mit weissem Kopftuch tragen. Die Jungen durften zwar verschiedene Farben anziehen, aber auch bei ihnen sollten Schwarz und Weiss überwiegen. Unterdrückung, Gewalt und Schläge bekamen Jungen und Mädchen gleichermassen zu spüren.

Diese Art der Schikane brachte mich dazu, mich gegen das Regime aufzulehnen. Schon mit 17 ging ich auf die Strasse, um zu demonstrieren. Auf einer Kundgebung im Jahr 2000 stand ich mit meinem Freund Faraydun in der ersten Reihe und schrie laut: «Nieder mit dem iranisch-islamischen Regime!» Die Streitkräfte griffen uns mit Tränengas an. Wir rannten in eine kleine Nebenstrasse. In der Mitte der Gasse schnitten uns die Soldaten den Weg ab und griffen uns von beiden Seiten an. Mit Schlagstöcken prügelten sie auf uns ein. Wir suchten Schutz in einer Häuserecke, aber wir bekamen immer noch viel ab. Plötzlich öffnete jemand eine Tür und zog mich hinein.
Die Soldaten versuchten, mich wieder rauszuziehen, aber ein paar Frauen gingen dazwischen. Während man mich in den Korridor zog und die Frauen versuchten, die Tür zu schliessen, sah ich, wie die Soldaten weiter auf Faraydun einschlugen. Vielleicht war meine Rettung sein Pech und sie schlugen ihn nun noch heftiger, weil sie mich verloren hatten. Er litt sehr. Dann schloss sich die Tür. Die Streitkräfte haben Faraydun mitgenommen. Er sass sechs Jahre im politischen Gefängnis.

Das ist jetzt 17 Jahre her. Inzwischen ist meine Schwester verheiratet und hat sich an das religiöse System angepasst, obwohl sie wie viele Frauen weiterhin das islamische System kritisiert. Derzeit tragen die Frauen ihren Widerstand gegen das Regime wieder auf die Strasse. Bei den Unruhen Ende 2017 und Anfang dieses Jahres, als die Demonstrationen das ganze Land eroberten, schrieben sie Parolen an Wände und gingen in derselben Anzahl auf die Strasse wie die Männer. Dann banden sie ihre Kopftücher an Stöcke und liessen sie wie Fahnen wehen. Denn sie wollen weder die Kopftücher noch das islamische Regime. Was dieser Bewegung Kraft gibt, ist, dass Männer Schulter an Schulter mit den Frauen stehen. Für das islamische Regime bedeutet dies: Wir Männer stehen hinter den Frauen, wir wollen die freien Köpfe unserer Frauen nicht mit Tüchern bedecken. Das kann ein Anfang von Freiheit für die Frauen sein, wenn die Gesellschaft dies inmitten des islamischen Regimes und trotz aller Unterdrückungen nicht nur akzeptiert hat, sondern auch wünscht.

Weil das islamische Regime den Frauen jedoch diese Rechte bisher nicht zugesteht, brauchen die Frauen internationale Unterstützung. Ich fordere alle auf, ihre Stimme für die Frauen im Iran zu erheben, damit diese zu ihren Rechten kommen.