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Challenge League
Wenn aus Hoffnung Trauer wird

Ich sitze im Studio meines Arbeitskollegen, mit dem ich zusammen ein Projekt mache. Im Computer sucht er nach den Videos, an denen wir arbeiten möchten. Während er schaut und ich warte, ertönt aus seinem Rechner plötzlich laut die eritreische Nationalhymne, mit der ich hier und in Zusammenhang mit ihm niemals gerechnet hätte. Bis er herausfindet, woher der Sound kommt und ihn stoppen kann, dauert es ein paar Sekunden – Zeit genug, dass mich die Musik in Gedanken aus dem Studio trägt, in eine andere Welt. Als mein Kollege sich für die plötzliche Lautstärke entschuldigt und mich anschaut, sieht er Tränen in meinen Augen. Ich kann die Trauer nicht kontrollieren, die Eritreas Hymne in mir auslöst. Er ist neugierig und will wissen, weshalb diese Hymne bei vielen Eritreerinnen und Eritreern solche Gefühle auslöst. Er habe dies schon häufiger beobachtet.

Der Monat Mai hat eine symbolische Bedeutung in Eritrea. Nach Jahren der Kolonialund Fremdherrschaft kämpften die Eritreer dreissig Jahre lang mit grosser Hoffnung für ihre Unabhängigkeit von Äthiopien. Dieser Krieg war eine ungeheure Herausforderung, hat wahnsinnig viel Leben und Zeit gekostet. Am 24. Mai 1991 endlich wurde der Krieg mit der Einnahme Asmaras durch die Unabhängigkeitskämpfer beendet. Genau zwei Jahre später wurde Eritrea offiziell unabhängig, seitdem ist es auch offizielles Mitglied der Vereinten Nationen. Das war ein grosses Ereignis für das Land, die Bevölkerung hat lange dafür gekämpft und wurde damals ein Vorbild für Afrika genannt. Als Kind der Neunzigerjahre bin ich mit dieser Mentalität aufgewachsen, Patriotismus wurde zu einem grossen Teil meiner Sozialisierung. Als Kinder haben wir in der Schule, durch die Medien und von unseren Familien gelernt, sehr stolz auf unser Land und die Regierung zu sein, die es uns geschenkt hatte. Der 24. Mai wurde zum Feiertag, und wir nahmen den ganzen Monat als speziell wahr.

In den Jahren nach der Unabhängigkeit geschah dies mit grosser Freude, wir zeigten gern unsere Bereitschaft, das Land gemeinsam aufzubauen. Wir freuten uns darauf, in ein paar Jahren nicht mehr nur das Ereignis zu feiern, sondern auch als Kämpferinnen und Kämpfer aus der Bevölkerung die Früchte der Unabhängigkeit zu ernten. Da es in Eritrea zu dieser Zeit (und bis heute) keinen Raum für Austausch und Kommunikation zwischen der Bevölkerung und den entscheidenden Stellen in der Politik gab, erwarteten wir Jahr für Jahr mit grosser Hoffnung die Rede unseres Präsidenten, die er jeweils am Unabhängigkeitstag hielt. Ich erinnere mich genau, wie ich mit meiner ganzen Familie stundenlang aufmerksam seinen Reden lauschte, immer in der Hoffnung, darin eine gute Nachricht zu entdecken, wie wir endlich zu einem freien Leben in unserem freien Eritrea kämen.

Ein Highlight des 24. Mai war eben auch die Nationalhymne, die als Eröffnung der Feierlichkeiten gespielt wurde. Wir sangen sie jeden Tag in der Schule, hörten sie in den Medien. Sie erinnert uns an den Unabhängigkeitskampf, der uns die Hoffnung gab, endlich in Frieden in einem freien Land zu leben. Mit dieser Hoffnung sangen wir Tag für Tag die Hymne und warteten das erste, zweite, dritte, vierte und viele weitere Jahre auf die Grosse Rede unseres Präsidenten. Am Anfang war es sehr ermutigend, wir freuten uns auf die Umsetzung der erkämpften Freiheit. Doch nach und nach zeigte sich, dass die Rede nur dem Schein diente und nichts mit der Realität zu tun hatte, in der wir lebten.

26 Jahre später sind die Hymne und der Präsident immer noch dieselben. Ich befinde mich mittlerweile Meilen von Eritrea entfernt und lebe in einer Zeit, wo die Bevölkerung Eritreas, die einst mit grosser Hoffnung für ein freies Land gekämpft hat, nicht in der Lage ist, die Früchte zu ernten – sondern eines der Länder repräsentiert, aus dem am meisten Menschen fliehen. Da kommen mir schon mal die Tränen.