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Foto: Dan Meyers/Unsplash

Corona weltweit
Wenn soziale Distanz Probleme schafft

Sozialer Abstand ist das Gebot der Stunde, um die Corona-Pandemie unter Kontrolle zu behalten. Dabei wären für Obdachlose soziale Kontakte gerade jetzt besonders wichtig. Ein Zentrum für Süchtige in Portland versucht mit diesem Problem umzugehen.

Seit Jahrzehnten bietet der Alano Club, ein Rehabilitationszentrum in Portland (Oregon, USA), Gesprächstherapien und Meetings an, bei denen Menschen ihre Sorgen und Nöte mit anderen teilen können. Doch jetzt ist alles anders. Wegen der Corona-Pandemie musste der Alano Club sein Angebot massiv reduzieren, vor allem die Gruppengespräche für Suchtkranke wurden aufgrund des «social distancing» vorübergehend abgesagt. 

Unter den Betroffenen sind auch viele Obdachlose. Sie trifft es besonders hart, denn sie sind oft auf sich selbst gestellt und ohnehin schon isoliert. «Dabei wäre der Austausch mit anderen Menschen für sie genau jetzt wichtig», sagt Brent Canode, Geschäftsleiter des Alano Clubs. Er rechnet damit, dass viele deshalb vielleicht noch mehr Drogen konsumieren oder rückfällig werden. Die regelmässigen Treffen im Alano Club helfen den Obdachlosen, ihren Tag zu strukturieren, und sie sind ein Rettungsanker, wenn der Druck von der Strasse zu gross wird, die Menschen am Verzweifeln sind und nicht mehr weiterwissen. «Allein in Portland sterben jeden Tag fünf Menschen an ihrer Alkoholsucht, zwei weitere an einer Überdosis. Ich befürchte, jetzt werden es noch mehr», sagt Canode.

Inzwischen hat der Alano Club Massnahmen ergriffen. «Wir haben eine Videokonferenz durchgeführt und die Leute informiert, wie es nun weitergehen soll. Wir waren völlig überrascht, es haben 500 Leute daran teilgenommen», sagt Canode. Das Internet biete den Menschen eine gute Möglichkeit, miteinander in Kontakt zu bleiben. «So wissen sie, dass sie nicht allein sind.» In einem nächsten Schritt geht es nun darum, digitale Kleingruppen zu bilden, in denen sich zum Beispiel suchtkranke Obdachlose unter sich organisieren und austauschen können.

Doch nicht alle sind mit dem Internet vertraut. Einige Obdachlose wissen offenbar nicht, was die Online-Videoplattformen Skype oder Zoom sind oder wie man sie benutzt, andere haben gar keinen Zugang zu einem Computer oder einer entsprechenden App auf dem Handy. Für sie richtet der Alano Club spezielle Telefonleitungen ein. 

Canode weiss sehr gut, dass solche Massnahmen die Treffen im Club nicht ersetzen können, auch wenn sie in dieser Krisenzeit eine wichtige Stütze im Alltag der Betroffenen sind. «Der Schlüssel zur Genesung ist und bleibt der soziale Kontakt.»


Die Informationen zu diesem Artikel entstammt einem Beitrag, der auf der Website des InternationalNetwork of Street Papers veröffentlicht wurde. 


Obdachlose in der Schweiz

Nach Angaben der Sozialwerke gibt es auf Schweizer Strassen immer mehr Menschen ohne festes Dach über dem Kopf. Verlässliche Zahlen für die ganze Schweiz liegen bisher nicht vor. Eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz von 2019 hat ergeben, dass allein in Basel rund 100 Menschen obdachlos sind und weitere 200 Personen wohnungslos, sie also in Notunterkünften, Heimen oder bei Bekannten übernachten. Die Gründe sind vielfältig: finanzielle Schwierigkeiten, Armut, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Sucht oder Beziehungsprobleme. Früher waren vor allem arbeitslose und drogensüchtige Menschen obdachlos, heute vermehrt auch Personen mit psychischen Problemen, Sans-Papiers oder Asylsuchende. Um staatliche Unterstützung in Form von Sozialhilfe, RAV oder IV in Anspruch zu nehmen, müssten sich die Betroffenen offiziell anmelden. Das allerdings passiert nicht immer – sei’s, weil die Betroffenen Repressionen befürchten oder weil sie ihre Eigenständigkeit so gut wie möglich bewahren möchten.