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Die Sozialzahl
What women do for no money

Wer hilft älteren und kranken Menschen, betreut und pflegt sie? Sind es die Lebenspartnerinnen und Lebenspartner, die Kinder und Enkelkinder, die sich um ihre Angehörigen kümmern – oder übernimmt die Spitex diese sogenannte Care-Arbeit? Haben wir also in der Schweiz ein familien- oder ein dienstleistungszentriertes System der Hilfe, Betreuung und Pflege daheim?

Die Zahlen bringen es an den Tag: Im Jahr 2013 wurden rund 64 Millionen Stunden Care-Arbeit durch Familienangehörige geleistet. Im gleichen Jahr erbrachte die Spitex etwas mehr als 17 Millionen Stunden Pflege- und hauswirtschaftliche Leistungen. Der Aufwand von Familien zugunsten ihrer hilfsbedürftigen Angehörigen ist also fast vier Mal grösser als jener der bezahlten Pflegedienste.

Man kann den ökonomischen Wert dieser Care-Arbeit be- rechnen. Die durchschnittlichen Arbeitskosten pro Stunde im Pflegebereich beliefen sich 2013 auf 57 Franken. Die monetäre Bewertung der Hilfe, Betreuung und Pflege der Familien- angehörigen erreicht damit einen Wert von 3,63 Milliarden Franken. Zum Vergleich: Die Spitex kostete im selben Jahr 1,93 Milliarden Franken.

Aus diesen Zahlen lässt sich dreierlei ableiten. Erstens zeigen sie, wie wichtig die unbezahlte Care-Arbeit der Familien- angehörigen ist. Dabei sollte aber dieses Engagement nicht gegen die Spitex ausgespielt werden. Die optimale Versorgung der hilfsbedürftigen Angehörigen ergibt sich aus einer gut aufeinander abgestimmten Unterstützung durch die Familie und die Spitex. Nur so können die älteren Menschen daheim bleiben, solange es ihnen lieb ist.

Zweitens werfen diese Berechnungen die Frage auf, ob die Familienangehörigen für ihren Aufwand entlohnt werden sollten. In geringem Ausmass ist das heute bereits der Fall. Doch eine vollumfängliche Entschädigung käme sehr teuer zu stehen. Und würden die helfenden Angehörigen das überhaupt wollen? Ja, würden sie dann überhaupt noch diese Care-Arbeit machen wollen? Befragungen zeigen, dass es ihnen oft um anderes geht, nämlich um die gesellschaftliche Anerkennung und Würdigung dieses Engagements. Noch wird die enorme Leistung, die vor allem von Familienfrauen erbracht wird, als etwas Selbstverständliches angenommen.

Das führt zur dritten Frage. Werden die Familienfrauen ihre Care-Arbeit in den nächsten Jahren in gleichem Ausmass fortführen? Zweifel sind angebracht. Darum tun wir gut daran, die Rahmenbedingungen für die Care-Arbeit durch Familienangehörige zu verbessern. Dazu gehört eine wirtschaftliche Absicherung, die den Lohnausfall deckt, wenn eine Familienfrau ihre Erwerbstätigkeit zugunsten von Care-Arbeit daheim reduziert. Und dazu gehören auch ein bezahlter Pflegeurlaub und eine unüberhörbare Wertschätzung dieser Leistung.